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Tugan bestreitet, dass der letzte Grund der periodischen Krisen in der kapitalistischen Ausbeutung liegt. Er sucht ihn einzig und allein in der Planlosigkeit, der Anarchie, der kapitalistischen Produktionsweise, welche zeitweise die Proportionalität der Produktion stört.
Soll der Sang der Produktion und der Zirkulation der Waren ohne Störung vor sich gehen, dann müssen die verschiedenen Produktionszweige in bestimmten Verhältnissen zu einander stehen. Jede erhebliche Störung dieser Verhältnisse bringt eine Stockung hervor, bewirkt eine Krisis. Dazu bedarf es keiner allgemeinen Überproduktion. Die Überproduktion eines Warenzweigs ist schon im Stande, die Preise auch der anderen Waren zu senken und eine allgemeine Krise hervorzurufen. Das gilt bereits bei einfacher Warenproduktion, noch mehr aber bei kapitalistischer, weil hier der Markt immer größer und unübersichtlicher wird und die Produktivkräfte immer gewaltiger und elastischer, immer mehr sprunghafter Ausdehnung fähig werden. Was bei einfacher Warenproduktion möglich, wird nun zeitweise unvermeidlich.
In diesen Anschauungen Tugans liegt viel Wahres. Kein Zweifel, es bedarf nicht einer allgemeinen Überproduktion zu einer Krise; die Überproduktion eines auf dem Weltmarkt dominierenden Industriezweigs, früher der Textilindustrie, jetzt der Eisen erzeugenden und verarbeitenden Industrien, genügt, jene Stockung hervorzurufen, die dann auch in anderen Industriezweigen die Erscheinungen der Überproduktion hervorruft. Wir stimmen nicht den Argumenten zu, womit Tugan das beweist, können aber von ihrer Widerlegung absehen, die uns etwas weitab führen würde. Auf anderem Wege vorschreitend, träfen wir uns doch mit ihm in dem gleichen Ergebnis.
Auch daran ist nicht zu zweifeln, dass der Mangel an Proportionalität in der Produktion zu einer Krisenursache werden kann. Marx hat darauf schon im zweiten Bande seines Kapital hingewiesen. Aber er hat dort auch gezeigt, dass ein derartiger Mangel an Proportionalität nicht bloß durch Überproduktion, sondern auch durch Unterproduktion hervorgerufen werden kann. Wenn etwa nicht genug Rohstoffe auf den Markt kommen, so muss der Produktionsprozess stocken und es gibt eine Krise. Eine solche, nicht durch Überproduktion hervorgerufene Krise war die Baumwollennot anfangs der sechziger Jahre in Lancashire, die der amerikanische Sezessionskrieg hervorgerufen hatte. Eine ähnliche Krise — eine Vorkrise vor der allgemeinen Krise — sahen wir auf dem Höhepunkt der jüngsten Prosperitätsperiode in Deutschland, wo zeitweise Eisen, Kohle und Baumwolle zu knapp wurden, so dass sich manche Fabrik zum Feiern oder doch zur Betriebseinschränkung gezwungen sah.
Notabene, dies allein beweist schon die Haltlosigkeit des Geschwätzes von der Überwindung oder doch Abschwächung der Krisen durch die Kartelle, das trotz aller Erfahrungen noch immer nicht völlig verstummt. Wir haben gesehen, dass die Proportionalität der Produktion eine unentbehrliche Voraussetzung eines ungestörten Verlaufs des kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsprozesses ist. Die Warenproduktion ist aber die Produktion vieler unabhängig voneinander tätigen Produzenten. Dass dieses planlose Getriebe nicht binnen kurzem in völliger Verwirrung und einem unentwirrbaren Chaos endet, dafür sorgt die Konkurrenz, die bewirkt, dass in jenen Produktionszweigen, in denen zuviel von der gesellschaftlichen Arbeit verausgabt wird, die Preise sinken, was zur Einschränkung der Produktion führt, indes in solchen Produktionszweigen, in denen weniger erzeugt wird, als der Proportionalität entspricht, die Preise steigen, was zur Ausdehnung der Produktion anreizt. Wie wirken dem gegenüber die Kartelle? Sie beseitigen die Konkurrenz aus einzelnen Produktionszweigen, angeblich um Stetigkeit der Preise zu erzielen, tatsächlich um sie und damit die Profite ständig hoch zu halten. Das heißt aber nichts anderes, als dass jene Produktionszweige, die der Kartellierung zugänglich sind, beständig zur Unterproduktion neigen und so beständig die Proportionalität der Produktion zu stören trachten, was ihnen bekanntlich auch oft genug gelingt. Sie suchen nicht die Unabhängigkeit der einzelnen Produktionszweige voneinander, nicht die Planlosigkeit aus der Gesamtproduktion zu beseitigen, sondern nur den Regulator der freien Konkurrenz auszuschalten, der allein im Stande ist, einige Ordnung in das anarchische kapitalistische Getriebe zu bringen. Sie würden völlige wirtschaftliche Verwirrung schaffen, wenn ihnen dies Streben gelänge. Indes ist die Konkurrenz zu tief in dem bestehenden Wirtschaftssystem begründet, als dass sie sich nicht immer wieder Geltung verschaffte. Aber je stärker die Unternehmerverbände, desto gewaltsamer die Störungen, in denen die Konkurrenz sich immer wieder durchzusetzen hat. So bilden die Kartelle ein neues Krisenelement.
Aber andererseits kann freilich auch Mangel an Proportionalität in der Produktion und damit eine Krise hervorgerufen werden durch Überproduktion in einem einzelnen hervorragenden Industriezweig. Das hat auch von marxistischer Seite Niemand geleugnet. Sehen wir in der Unterkonsumtion den letzten Grund der periodischen Krisen, so sehen wir in der Planlosigkeit des kapitalistischen Produktionsprozesses eine ihrer Vorbedingungen und einen Faktor, der zeitweilig auch für sich allein Krisen hervorrufen oder allgemeine Krisen noch verschärfen kann.
Damit ist Tugan jedoch nicht zufrieden. Er behauptet, die Krisen sind der Planlosigkeit der kapitalistischen Produktionsweise allein zuzuschreiben. Die Unterkonsumtion als letzter Grund der Krise existier nicht, denn der Markt für die kapitalistische Produktion wachse in demselben Verhältnis, in dem diese wachse; sie schaffe sich selbst durch ihr Wachstum ihren eigenen Markt. Würden also alle Industriezweige sich in gehörigem Verhältnis zu einander entwickeln, dann würden Überproduktion und Krisen unmöglich, wenn auch die Ausbeutung der arbeitenden Massen und die Unterkonsumtion noch so sehr stiegen.
„Ist es nur möglich, die gesellschaftliche Produktion zu erweitern, reichen die Produktivkräfte dazu aus, so muss bei der proportionellen Einteilung der gesellschaftlichen Produktion auch die Nachfrage eine entsprechende Erweiterung erfahren, denn unter diesen Bedingungen repräsentiert jede neuproduzierte Waare eine neuerschienene Kaufkraft für die Erwerbung anderer Waren“ (S. 25).
Den Beweis dafür sucht Tugan dadurch zu erbringen, dass er nach dem Vorbild von Marx schematisch den Prozess der Reproduktion des Kapitals veranschaulicht. Marx hatte die Bedingungen untersucht, unter denen Produktion und Zirkulation der Waren in der kapitalistischen Produktionsweise immer wieder von Neuem, also als kapitalistischer Produktionsprozess, vor sich gehen können. Er ging dabei zur möglichsten Vereinfachung des Schemas von der Voraussetzung aus, dass in der Gesellschaft nur Kapitalisten und Arbeiter vorhanden sind. Einfache Reproduktion des Kapitals nannte er jene, bei der die Kapitalisten den gesamten Profit verzehren, so dass die kapitalistische Produktion nicht erweitert wird, sondern jedes Jahr in gleicher Ausdehnung weitergeht. Tatsächlich aber wird in jedem Jahre von der Kapitalistenklasse ein Theil des Profits zurückgelegt, akkumuliert, um die Produktion zu erweitern. Das gibt dann eine erweiterte Reproduktion.
Jedesmal muss die Produktion der Produktionsmittel, die der Konsumtionsmittel für die Arbeiter und die der Konsumtionsmittel für die Kapitalisten eine bestimmte Größe annehmen, soll die Reproduktion ungestört weiter vor sich gehen. Dem entsprechend zerfällt das Schema der Reproduktion in drei Abtheilungen, die der Produktion der Produktionsmittel, der Konsumtionsmittel der Arbeiter und der Konsumtionsmittel der Kapitalisten. In der ersten Abtheilung müssen bei einfacher Reproduktion ebenso viele Produktionsmittel fabriziert werden, als im Jahre verschleißen, um diese zu ersetzen. In der zweiten und der dritten ebenso viele Konsumtionsmittel, wie die Arbeiter respektive Kapitalisten verbrauchen. Das ist selbstverständlich. Aber unter gegebenen technischen und Ausbeutungsverhältnissen ist auch die Verteilung von konstantem und variablem Kapital und Profit in jeder einzelnen Abtheilung gegeben, und es muss die Summe des in allen drei Abtheilungen aufgewendeten variablen Kapitals der Summe der Werte der in der zweiten produzierten Konsumtionsmittel der Arbeiter; die Summe der Mehrwerte in allen drei Abtheilungen der entsprechenden Summe der für den Konsum der Kapitalisten produzierten Werte der dritten Abtheilung, endlich die Summe der in allen drei Abtheilungen aufgewendeten konstanten Kapitalien (wir nehmen der Einfachheit wegen an, dass sie alle in einem Jahre verbraucht werden) der Summe der in der ersten Abtheilung produzierten Werte von Produktionsmitteln entsprechen, soll nicht eine Störung des Reproduktionsprozesses, eine Krise entstehen.
Folgende Tabelle, deren Zahlen willkürlich gewählt sind, diene dazu, dies zu veranschaulichen:
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Schema I Einfache Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals Abteilung. Produktion der Produktionsmittel 2. Abteilung. Produktion der Konsumtionsmittel der Arbeiter 3. Abteilung. Produktion der Konsumtionsmittel der Kapitalisten Zusammen: 1.440 Millionen konstantes Kapital 720 Millionen variables Kapital+ 720 Millionen Mehrwert |
Auf den Markt kommen also Waren im Wert von 2.880 Millionen Mark. Dieser ganze Werth fällt den Kapitalisten zu. Aber davon müssen sie abgeben 720 Millionen als Lohn an die Arbeiter der drei Abtheilungen und für 1.440 Millionen müssen sie Produktionsmittel kaufen, welche die in der Produktion der drei Abtheilungen verwendeten Produktionsmittel ersetzen. Von den 720 Millionen Arbeitslohn werden die produzierten Konsumtionsmittel der zweiten Abtheilung absorbiert. Die 1.440 Millionen für Produktionsmittel räumen die Produkte der ersten Abtheilung vom Markte weg. So bleiben den Kapitalisten 720 Millionen Profit, die sie dazu verwenden, sich an den Produkten der dritten Abtheilung gütlich zu tun und den Markt von ihnen zu säubern. Man sieht, trotz aller Ausbeutung braucht es zu keiner Krise zu kommen.
Aber in Wirklichkeit wirdrsquo;s den Kapitalisten nicht so gut wie in diesem Beispiel. Sie können nicht den ganzen Mehrwert verjubeln, sondern müssen „sparen“, „entbehren“, um die Produktion zu erweitern. Dazu genügt es aber nicht bloß, dass sie sich tugendhaft der Genüsse enthalten, die sie mit ihren Profiten erkaufen könnten, es muss nun auch die ganze Produktion der Gesellschaft ganz anders angelegt werden. Mit ungegessenem Kaviar, ungetrunkenem Champagner und ungeliebten Ballerinen kann man keine Spinnerei treiben. Dazu ist es notwendig, dass statt des Kaviars und des Champagers Baumwolle, Kohle und Spinnmaschinen, statt der ätherischen Nahrung von Ballerinen die derbere Kost von Proletariern produziert wird. Wie gestaltet sich nun der Produktionsprozess? Etwa folgendermaßen, bei gleichbleibendem Betrag der Gesamtproduktion und gleichbleibenden technischen und Ausbeutungsverhältnissen. Wir bekommen dann
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Schema II Erweiterte Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals 1. Abteilung 2. Abteilung 3. Abteilung Zusammen: 1.440 Millionen konstantes Kapital + 720 Kapital + 720 Millionen Mehrwert Millionen variables Das zweite Jahr- 1. Abteilung 2. Abteilung 3. Abteilung Zusammen; 1.680 Millionen konstantes Kapital + 840 Millionen variables Kapital + 840 Millionen Mehrwert |
Tugan entwickelt dann dasselbe Schema noch für ein drittes Jahr, doch bietet dies nichts Neues mehr. Wir sehen also hier davon ab. Die beiden Jahre zeigen uns schon, dass auch bei Akkumulation des Kapitals keine Überproduktion einzutreten braucht. Die Kapitalisten verbrauchen jetzt im ersten Jahre nicht mehr 720, sondern bloß 360 Millionen Mark für ihren persönlichen Konsum. Aber trotzdem wird der gesamte Wert von 2880 Millionen Mark abgesetzt. Sie kaufen jetzt um 1.680 Millionen Mark Maschinen, statt um 1.440, und behalten 840 Millionen, statt 720 Millionen übrig, sie an Arbeitslohn auszugeben, wofür dann auch die für die Arbeiterklasse in vermehrtem Maße produzierten Konsumtionsmittel gekauft werden, wie das Schema des zweiten Jahres zeigt. Die Masse der von Arbeitern und Kapitalisten verbrauchten Konsumtionsmittel ist im ersten Jahre von 1.440 auf 1.200 Millionen gesunken, sie beträgt auch im nächsten Jahre nur 1.400 Millionen, statt 1.440, und doch wächst der Gesamtwert der Produktion von 2.880 Millionen auf 3.360 Millionen, „ohne dass das Gleichgewicht zwischen dem Angebot und der Nachfrage dadurch im Mindesten gestört wäre“ (S. 25). So kommt Tugan zu dem Ergebnis:
„Die angeführten Schemata mussten zur Evidenz den an sich sehr einfachen Grundsatz beweisen, welcher aber bei ungenügendem Verständnis des Prozesses der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals leicht Einwände hervorruft, nämlich den Grundsatz, dass die gesellschaftliche Produktion für sich selbst einen Markt schafft. ... Aus der Vergleichung der einfachen Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals mit dessen Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter kann man den höchst wichtigen Schluss ziehen, dass in der kapitalistischen Wirtschaft die Nachfrage nach Waren vom Gesamtumfang der gesellschaftlichen Konsumtion in einem gewissen Sinne unabhängig ist: es kann der Gesamtumfang der gesellschaftlichen Konsumtion zurückgehen und zugleich die gesamte gesellschaftliche Nachfrage nach Waren wachsen, wie absurd das auch vom Standpunkt des ‚gesunden Menschenverstandes‘ erscheinen mag. Die Akkumulation von gesellschaftlichem Kapital führt zu einer Einschränkung der gesellschaftlichen Nachfrage nach Konsumtionsmitteln und zugleich zu einer Erhöhung der gesamten gesellschaftlichen Nachfrage nach Waren“ (S. 25).
Diese Entdeckung wird dann in Verbindung gebracht mit der anderen, schon im zweiten Kapitel dieser Besprechung erwähnten, dass der Profit nicht bloß von den Arbeitern, sondern auch von den Produktionsmitteln geschaffen wird. In der kapitalistischen Produktionsweise werde eben der Arbeiter zum Produktionsmittel degradiert, ihm gleichgesetzt und so werde auch im Konsum der Konsum der Produktionsmittel dem Konsum der Menschen gleichgesetzt. Ob der Konsum der Menschen oder der der Produktionsmittel wächst, ist für den Markt gleich (S. 229).
„Die Produktionsmittel spielen eine immer größere Rolle im Produktionsprozess und auf dem Warenmarkt. Der Arbeiter tritt gegenüber der Maschine in den Hintergrund und zugleich tritt in den Hintergrund die aus der Konsumtion des Arbeiters entstehende Nachfrage im Vergleich mit der Nachfrage, welche aus der produktiven Konsumtion der Produktionsmittel entsteht. Das ganze Getriebe der kapitalistischen Wirtschaft nimmt den Charakter eines gleichsam für sich selbst existierenden Mechanismus an, in welchem die Konsumtion des Menschen als ein einfaches Moment des Prozesses der Reproduktion und der Zirkulation des Kapitals erscheint“ (S. 27).
Wie soll da die Krise aus der Unterkonsumtion entspringen können? Sie kann nur dadurch entstehen, dass die verschiedenen Produktionszweige sich eben nicht immer in richtigem Verhältnis entwickeln und dadurch miteinander in Konflikt kommen.
Dies die Krisentheorie Tugan Baranowskys.
Kein Zweifel, der „gesunde Menschenverstand“ widerstrebt ihr. Aber das ist natürlich noch kein Beweis. Nichts täuscht leichter, als der gesunde Menschenverstand, der den Anschein der Dinge für ihr Wesen hält.
Verlassen wir uns also nicht auf den trügerischen Gesellen und sehen wir uns die Tuganschen Schemata näher an.
Kein Zweifel, sie bezeugen, dass der Konsum an Konsumtionsmitteln zurückgehen und gleichzeitig die Produktion wachsen kann, ohne dass der Reproduktionsprozess ins Stocken kommt. Das müssen wir zugestehen. Aber damit gestehen wir Tugan noch lange nicht seine Folgerungen zu. Der Konsum kann zurückgehen und gleichzeitig die Produktion wachsen, aber ist das immer, unter allen Umständen möglich, ohne dass eine Krise daraus entsteht? Nein, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen. Die Tuganschen Schemata zeigen uns nur einen einzigen Fall, in dem ein Rückgang des Konsums ohne Krise eintreten kann: bei dem Übergang von einfacher zu erweiterter Reproduktion. Dieser einzige Fall wird bei Tugan zum Typus der kapitalistischen Wirklichkeit; und doch ist es einer, der in dieser Wirklichkeit sich so gut wie nie ereignet.
Marx hat das Schema der einfachen Reproduktion gegeben, nicht, weil es den wirklichen Vorgang des kapitalistischen Reproduktionsprozesses widerspiegelt, sondern weil es einfacher ist als das der erweiterten Reproduktion und daher eine Reihe wichtiger Erscheinungen leichter bloßzulegen gestattet als das letztere. Aber seitdem kapitalistisch produziert wird, wird auch Kapital akkumuliert, gelten also die Gesetze des erweiterten Reproduktionsprozesses. Ganz unzweifelhaft findet dies in ausgeprägtestem Maße statt seit dem Beginn der periodischen Krisen. Selbst während dieser, wenn die Reproduktion zeitweise stockt, ist der Reproduktionsprozess nicht der einfache, denn auch in Zeiten der Depression wird Kapital akkumuliert.
Der Vorgang des Übergangs von einfacher zu erweiterter Reproduktion ereignet sich also kaum jemals bei entwickelter kapitalistischer Produktionsweise; also tritt kaum jemals jene Voraussetzung ein, unter der ein Rückgang des Konsums ohne Krise möglich ist. Die Tuganschen Schemata beweisen also nicht das Mindeste für ihn und doch stützt er sein kühnes Paradoxon auf sie allein.
Aber selbst wenn wir trotz dieser Bedenken die einfache Reproduktion als Ausgangspunkt des kapitalistischen Reproduktionsprozesses annehmen, was gewinnt Tugan dabei? Nichts als eine Galgenfrist für seine Theorie.
Es ist wahr, wenn wir von der einfachen Reproduktion als Anfangsstadium ausgehen, so beträgt unter diesem der Konsum an Konsumtionsmitteln 1.440 Millionen Mark. Werden im nächsten Jahre die Anstalten zu einer Erweiterung der Produktion getroffen, so muss in diesem der Konsum der Konsumtionsmittel auf 1.200 Millionen Mark herabgehen. Nun berechnen wir aber die Schemata auf der von Tugan gegebenen Grundlage weiter. Wir finden dann: Im zweiten Jahre muss der Konsum schon wieder 1.400 betragen, im dritten werden Konsumtionsmittel im Wert von 1.633 Millionen produziert, im vierten für 1.911, im fünften für 2.224, im sechsten für 2.594 Millionen und so fort. Nach sechs Jahren muss sich bereits der Gesamtkonsum der Gesellschaft mehr als verdoppelt haben, fast ebenso sehr der Konsum der Arbeiterklasse, der von 840 Millionen auf 1.816 Millionen gewachsen sein muss, soll nicht eine Stockung, eine Überproduktion eintreten. Und dieses Steigen des Konsums muss von da an ununterbrochen weiter fortgehen, denn sobald das Regime der erweiterten Reproduktion einmal begonnen, duldet es kein Einhalten mehr auf der einmal beschrittenen Bahn.
Wenn trotzdem Tugan aus demselben Schema deduzierte: „Es kann der Gesamtumfang der gesellschaftlichen Konsumtion zurückgehen und zugleich die gesamte gesellschaftliche Nachfrage nach Waren wachsen“, so erreichte er dies nur dadurch, dass er nicht bloß als Ausgangspunkt einen der kapitalistischen Produktionsweise fremden Typus des Reproduktionsprozesses annahm, sondern sich auch über diesen Ausgangspunkt kaum hinauswagte. Hätte er seine Rechnung nicht schon beim dritten Jahre abgebrochen, sondern weiter gerechnet, so hätte sich ihm von selbst die Zahlen gekommen wäre, so hätte sich ihm von selbst die Unhaltbarkeit seiner Position aufdrängen müssen.
Eine weitere Berechnung auf Grund der Zahlen seines Schemas hätte Tugan aber auch gezeigt, dass die im Jahre produzierte Werthmasse der Konsumtionsmittel genau in demselben Verhältnis steigt, wie die Werthmasse der Produktionsmittel. Die Gesamtmenge der Konsumtionsmittel (als Gebrauchswerte) nimmt noch rascher zu als die Gesamtsumme ihres Wertes, wenn gleichzeitig, was ja die Regel, die Produktivität der Arbeit wächst. Der Konsum der Konsumtionsmittel muss also nicht bloß ununterbrochen, sondern auch stets mindestens in demselben Verhältnis oder sogar noch rascher wachsen, wie die Produktion der Produktionsmittel, soll’s nicht zur Krise kommen.
Tugan bringt seine Entdeckung, dass die Konsumtion sinken und doch die Produktion steigen kann, ohne dass es zur Überproduktion kommt, in Zusammenhang mit seiner Profittheorie. Tatsächlich begeht er hier wie dort den gleichen Fehler der theoretischen Kurzsichtigkeit. Er begegnet einem vereinzelten Fall, der ihm hier die Theorie, dort den gesunden Menschenverstand zu widerlegen scheint, und macht sich sofort daran, auf der Stelle, wo er diesen Fall getroffen, eine neue Theorie aufzubauen. Hätte er ihn nur wenig weiterverfolgt, es wäre ihm bald klar geworden, welche flüchtiger Ausnahmsfall es gewesen, den er für die ständige, normale Praxis der kapitalistischen Produktionsweise versah.
Freilich, es klingt sehr schön, wenn Tugan als die gemeinsame Wurzel seiner Profit- und Krisentheorie die Tatsache hinstellt, dass die Kapitalisten den Arbeiter nur als Produktionsmittel, als Maschine betrachten, und dass sie daher beide einander gleichsetzen; dass ihnen die Maschine ebenso Profite erzeugt wie der Arbeiter, und dass ihnen der Konsum der Maschine gleichwertig ist mit dem der Menschen, denn der Zweck ihrer Produktion ist der Profit und nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen. Sicher denkt der Kapitalist so, aber die Krisen entspringen eben aus dem Widerspruch, in den der Kapitalistenstandpunkt immer wieder zu den Grundgesetzen der Gesellschaft gerät. Der Kapitalist mag den Menschen noch so sehr der Maschine gleichsetzen, die Gesellschaft bleibt eine Gesellschaft von Menschen, wird nie eine von Maschinen, die gesellschaftlichen Beziehungen bleiben stets die Beziehungen von Mensch zu Mensch und werden nie die Beziehungen von Menschen zu Maschinen. Darum bleibt in letzter Linie stets die menschliche Arbeit der wertbildende Faktor und darum entscheidet auch in letzter Linie stets die Ausdehnung des menschlichen Konsums über die Ausdehnung der Produktion.
Die Produktion ist und bleibt Produktion für den menschlichen Konsum. Es ist richtig, dass die Zahl der Produktionsstätten, in denen die Produkte direkt für den persönlichen Konsum fertig gemacht werden, mit fortschreitender Arbeitsteilung verhältnismäßig immer mehr sinkt gegenüber den anderen Produktionsstätten, die jenen und einander Werkzeuge, Maschinen, Rohmaterialien, Transportmittel etc. liefern. Während in der ursprünglichen Bauernwirtschaft der Flachs von dem Betrieb, der ihn gewann, auch mit eigenen Werkzeugen verarbeitet und für den menschlichen Verbrauch fertig gemacht wurde, sind jetzt vielleicht hundert von Betrieben an der Herstellung eines Hemdes beteiligt, an der Herstellung der Rohbaumwolle, der Produktion der Eisenschienen, Lokomotiven und Waggons, die sie nach dem Hafen bringen, des Schiffes, das sie nach Europa verschifft, der Transportmittel dort, der Maschinen, Baulichkeiten, Kohlen des Spinners, des Webers, der Herstellung der Nadeln und Knöpfe und anderen Zubehörs für die Näherin. Aber sie alle dienen nur dem letzten Zwecke der Herstellung von Mitteln des menschlichen Konsums und sie alle geraten in ihrer Tätigkeit ins Stocken, sobald dieser letzte Zweck nicht ausreichend betätigt wird.
Trotz des ungeheuren Umfangs und des vorübergehenden Scheines einer Unabhängigkeit vom Konsum, den manche der zahlreichen Zwischenglieder der Produktion von Konsumtionsmitteln, zum Beispiel die Eisenbahnen, annehmen, wäre doch eine Täuschung darüber, dass sie alle nur dem menschlichen Konsum dienen, kaum möglich gewesen, wenn nicht noch ein Umstand dazu käme: die kapitalistische Produktion ist nicht nationale, sondern internationale, Weltproduktion. Bei der internationalen Arbeitsteilung kommt es dahin, dass einzelne Länder — die alten Industrieländer — ihre Produktion zum persönlichen Konsum nur noch langsam ausdehnen können, während die Produktion von Produktionsmitteln bei ihnen noch rasche Fortschritte macht und für den Pulsgang ihres ökonomischen Lebens viel bestimmender wird, als die Produktion von Konsumtionsmitteln. Wer die Sache nur vom Standpunkt der betreffenden Nation ansieht, kommt dann leicht zur Ansicht, die Produktion von Produktionsmitteln könne dauernd rascher wachsen als die von Konsumtionsmitteln, sie sei an diese nicht gebunden. Namentlich in England zeigt sich dies auffallend.
Aber wenn etwa in England die Fabrikation von Spinnmaschinen rascher wächst als die von Garn, so ist dies doch nur dadurch möglich, dass außerhalb Englands neue Spinnereien errichtet werden, die ihre Maschinen aus England beziehen. Ohne Erweiterung des Garnkonsums würden aber diese Lieferungen von Spinnmaschinen bald aufhören.
Das übersieht Tugan. Er weist darauf hin, dass aus England ausgeführt wurden:
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1868–70 |
1896–98 |
|---|---|---|
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Gewebe |
82,5 Millionen Pfund Sterling |
77,1 Millionen Pfund Sterling |
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Eisen (inkl. Maschinen) |
26,3 Millionen Pfund Sterling |
39,9 Millionen Pfund Sterling |
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Steinkohlen |
5,4 Millionen Pfund Sterling |
16,7 Millionen Pfund Sterling |
Daraus schließt er (S. 58):
„Somit kommt in der relativen Abnahme des Exports derjenigen britischen Fabrikate, die in den unmittelbaren Verbrauch eingehen, auch das Grundgesetz der kapitalistischen Entwicklung zum Ausdruck: je mehr die Technik fortschreitet, desto mehr treten die Konsumtionsmittel zurück gegenüber den Produktionsmitteln. Die Menschenkonsumtion spielt eine immer geringere Rolle gegenüber der produktiven Konsumtion der Produktionsmittel.“
Als ob die Konsumtion der Produktionsmittel etwas Anderes wäre als die Produktion von Konsumtionsmitteln!
Produziren heißt Konsumtionsmittel für den menschlichen Gebrauch herstellen. Diese Tatsache kann durch die fortschreitende Arbeitsteilung nur verschleiert, aber nicht aufgehoben oder auch nur eingeschränkt werden.
Zuletzt aktualisiert am 21. Oktober 2026