MIA > Deutsch > Marxisten > Kautsky > Krisen
Müssen wir uns entschieden ablehnend verhalten gegen die neuen Theorien Tugans über die der kapitalistischen Produktionsweise zu Grunde liegenden Faktoren, denen die Krisen entspringen, können wir seiner Profittheorie gar keinen Wert und seiner Krisentheorie nur einen bedingten Werth insofern zuerkennen, als sie die Bedeutung erkennen lässt, die der zweite Band des Kapital mit seinen Ausführungen über den Reproduktionsprozess des Kapitals für die Erforschung der Krisenursachen hat, so finden wir dagegen umso mehr Punkte, in denen wir Tugan nicht bloß zustimmen, sondern auch neue Einsichten durch ihn gewinnen, je mehr wir uns von den tiefsten Gründen der Oberfläche der Erscheinungen nähern, von den Abstraktionen zu konkreten Dingen übergehen.
Leider ist unsere Arbeit schon so ausführlich geworden, dass wir es uns versagen müssen, auf diese Ausführungen, namentlich auf Tugans Beobachtungen über die Ursache der Periodizität der Krisen und deren Erscheinungsformen näher einzugehen. Wir müssen Denjenigen, der sich darüber unterrichten will, auf das Werk selbst verweisen.
Bloß eine Frage sei hier noch untersucht, die, ob und inwieweit der Charakter der Krisen sich ändert, ob sie die Tendenz zeigen, zu verschwinden oder milder zu werden, wie im Anschluss an liberale Optimisten von einigen Revisionisten wenigstens vor zwei, drei Jahren noch behauptet wurde. Darüber ist Tugan zu sehr bemerkenswerhen Ergebnissen gelangt.
Unterscheidet sich Tugans Krisentheorie auch von der unserigen, so stimmen doch beide darin überein, dass sie die Krisen mit Notwendigkeit aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehen, mit ihr unzertrennlich verbunden sein lassen. Denn die Planlosigkeit der Produktion ist ebenso sehr in ihrem Wesen begründet, wie die Unterkonsumtion der Massen und die Akkumulation des Kapitals.
In seinem Schlusskapitel sagt er:
„Sind die in diesem Buche niedergelegten Anschauungen über die Ursachen der Krisen in der kapitalistischen Wirtschaft richtig, so kann nichts irrtümlicher sein als die Ansicht, die von einigen Schriftstellern (zum Beispiel von Bernstein) neuerdings ausgesprochen wird, dass die neueste Entwicklung des Kapitalismus die Gefahr des periodischen Eintretens von Krisen beseitigt habe ....
„Viele glauben, dass die Krisen durch das weitere Wachstum von verschiedenerlei Unternehmerverbänden, Kartellen, Syndikaten, Trusts, beseitigt werden können, da diese die Tendenz haben, direkt oder indirekt die nationale Produktion zu regeln. Wir sind durchaus nicht geneigt, die Bedeutung solcher Verbände zu unterschätzen; ihre allgemeine Verbreitung ist in unseren Augen der beste Beweis für den Bankerott des Prinzips der freien Konkurrenz im Wirtschaftsleben der Gegenwart und für die Notwendigkeit einer planmäßigen Organisation der gesellschaftlichen Produktion. Die Kartelle stellen einen höchst bedeutenden Fortschritt der kapitalistischen Wirtschaft auf dem Wege der Konzentration des Betriebs dar. Aber immerhin halten wir es für ganz unmöglich, dass die Kartelle den industriellen Zyklus aufheben. Ein Kartell kann in einem einzelnen Industriezweig eine planmäßige Organisation der Produktion einführen, aber das gegenseitige Verhältnis solcher organisierten Produktionszweige bleibt ebenso unorganisiert und planlos wie früher .... Zwar können die Kartelle die Schroffheit des Übergangs von Aufschwung zu Stockung mildern. Die Kartelle können das Sinken der Warenpreise durch planmäßige Einschränkung der Produktion abschwächen. Die Einschränkung der Produktion ist aber für die Arbeiter gleichbedeutend mit einer Arbeitslosigkeit. Gerade die Einschränkung der gesellschaftlichen Produktion ist ja der Übelstand, gegen den angekämpft werden muss. Gegen diesen Übelstand sind die Kartelle machtlos. Die Bedeutung der Kartelle für die Unternehmer besteht eben darin, dass sie die Last der Depression von den Unternehmern auf die Arbeiter abwälzen.“ (S. 414–416)
Damit will Tugan nicht behaupten, dass der Charakter der Krisen immer derselbe bleibe. Im Gegenteil, sie haben sich sehr verändert.
„Die Krisen des früheren Typus haben in England aufgehört. Die früheren Krisen glichen einem Sturmwind, der rasch über das Land hinwegfegte und alles auf seinem Wege zerstörte, aber ebenso schnell wieder verschwand. Jetzt ist die Krisis nicht mehr ein akuter Krankheitsfall, sondern eine sich in die Länge ziehende Krankheit; so war zum Beispiel die Weltkrisis von 1857 eine wahre ökonomische Katastrophe, die in kurzer Zeit die Handelstätigkeit der gesamten kapitalistischen Welt gestört und sie beinahe zu einem vollständigen Stillstand gebracht hat. Alles schien zusammengebrochen und darnieder gefallen zu sein. Aber bereits nach einem Jahre waren die Spuren der Krisis fast verwischt und die Industrie war belebter als je zuvor. Daher nimmt es nicht Wunder, dass die alten Krisentheoretiker ... die Krisen mit einem Gewitter verglichen, das Bäume bricht, aber die Atmosphäre reinigt und die Felder erfrischt. Jedoch auf die Krisen der Gegenwart würde selbst ein eingefleischter Optimist, der immer bereit wäre, zu jubeln und auf das Bestehende Lobeshymnen zu singen, nicht eine solche Charakteristik anwenden. In England gab es keine Handelskatastrophe zu Beginn der achtziger Jahre, und trotzdem befand sich die Industrie ungefähr vier Jahre hindurch in der schwersten Stockung. Ebenso rief der Zusammenbruch der Firma Baring im Jahre 1890 keine allgemeine Erschütterung des englischen Kredits hervor und trotzdem zog sich die Geschäftsstockung über drei bis vier Jahre hin. Die Börsenpanik und die Bankrotte treffen mit ihrer Wucht die Unternehmer und die besitzenden Klassen; unter einer Geschäftsstockung leiden am schwersten die Arbeiter. Daher kann man sagen, dass ein Vergleich zwischen den Krisen der Gegenwart und denen der fünfziger und sechziger Jahre nicht zu Gunsten der Krisen des neuen Typus ausfällt.“ (S. 415)
Die Frage, ob die Krisen sich mildern, wird also verschieden beantwortet werden, je nach dem Standpunkt, auf dem man steht. Wer die Dinge mit bürgerlichen Augen betrachtet, wird in das Lied jener Optimisten einstimmen, die da annehmen, die Krisen würden durch den Fortschritt der ökonomischen Entwicklung, namentlich durch die Kartelle, gemildert. Die großen Unternehmer leiden heute weniger unter ihnen als ehedem. Wer dagegen vom proletarischen Standpunkt aus urteilt, muss gerade zu dem entgegengesetzten Urteil kommen, denn die Arbeiter werden durch sie jetzt schwerer bedrückt als früher. Die Kartelle vermehren das Uebel noch in anderer, als der von Tugan angegebenen Weise: sie verhindern die Arbeiter, die Zeit der Prosperität auszunutzen. Wenn sie die Arbeitslosigkeit zur Zeit der Krisis noch verstärken und verlängern, so hindern sie überdies noch die Arbeiter zur Zeit der Prosperität, die Löhne in dem Maße zu steigern, in dem die Kartellunternehmer und sonstigen Monopolisten die Preise erhöhen. Das ist für die letzte Prosperitätsepoche von den verschiedensten Seiten nachgewiesen worden.
Tugan fragt weiter:
„Vermindert sich die Arbeitslosigkeit in der neuesten Phase der englischen Wirtschaft? Die Statistik kann darauf keine Antwort geben, aber viele Umstände veranlassen uns, vielleicht (es soll wohl heißen &bsquo;vielmehr‘. K.) das Gegenteil anzunehmen.“
Namentlich nach zwei Richtungen hin ändert die Arbeitslosigkeit ihr Gesicht:
„Charles Booth erklärte, dass nach seiner Meinung die verbesserte Organisation der Industrie unbestritten nach einer größeren Stetigkeit der Beschäftigung hinstrebe. Aber auf diesem Wege wird sie unmittelbar gegen die Arbeitslosen wirken. Sie schafft eine größere Zahl von Arbeitslosen, sie begünstigt die besseren Arbeiter. Je größer der Theil der Arbeit, der regelmäßig ausgeführt wird, desto weniger bleibt für solche übrig, die unregelmäßig arbeiten.“
Tugan führt noch andere Aussagen an, die zeigen, „dass die Tendenz der neuesten Zeit dahin geht, dass die Arbeitslosigkeit in wachsendem Grad mit ihrer ganzen Wucht die weniger geschickten Arbeiter trifft.“ (S. 417)
Tugan weist dann auf jene statistischen Zahlen hin, durch die Charles Booth bewies, dass von den über 65 Jahre alten Arbeitern Englands 40 bis 45 Prozent im Arbeitshaus leben – jenem Arbeitshaus, das von den Arbeitern nicht minder gefürchtet und verabscheut wird als das Zuchthaus.
„Also beinahe die Hälfte der Arbeiter, die das Unglück gehabt haben, alt zu werden, ist verurteilt, ihr Leben als Paupers zu beschließen! Und das in dem reichsten Lande der Welt, in England! ... Mit dem Wachstum der Konkurrenz wird das Leben immer schwerer, immer früher wird die Arbeitskraft durch das Kapital konsumiert und hört auf, von dem Arbeitsmarkt aufgenommen zu werden .... Und diese Arbeitslosigkeit erfährt nicht nur keine Einschränkung, sondern sie nimmt in der neuesten Zeit noch zu. Charles Booth, zweifellos der kompetenteste Gewährsmann, sagt darüber folgendes: &sbquo:In den großen Industriezentren befinden sich heute die alten Leute zweifellos in einer schlechteren Lage als vor zwanzig Jahren. Die alten Leute leiden unter der wachsenden Schwierigkeit, eine Beschäftigung zu finden. Dieselben Verhältnisse, welche die Lage der Jungen verbessert haben, wirken gegen die Alten&lbsquo;.“ (S. 422)
Tugan kommt zu dem Schlusse, „dass die Arbeitslosigkeit mit der weiteren Entwicklung der Industrie durchaus keine Einschränkungen erfährt und sogar in mancher Hinsicht noch schwerere Formen annimmt.“
Nicht bloß dadurch wird die Arbeitslosigkeit immer drückender, dass sie immer mehr die widerstandslosesten Elemente im Proletariat, die ungelernten, unorganisierten, alten Arbeiter trifft, sondern auch dadurch, dass die Dauer der Krisen zunimmt. Im ersten Jahre der Krisis trägt man die Arbeitslosigkeit noch Verhältnismäßig leicht, da hat der Arbeiter meist noch Ersparnisse aus der guten Zeit, und auch seine Organisationen besitzen noch Mittel, die sie angesammelt haben. Dieser Rückhalt schwindet aber rasch dahin, die Arbeitslosenunterstützung der Gewerkschaft wird immer unzureichender, die Ersparnisse zerfließen wie der Schnee vor der Sonne, Möbel und Kleider wandeln zum Trödler und schließlich bleibt nichts mehr, womit der Arbeitslose sich der Noth erwehren könnte, als die Armenunterstützung oder das Verbrechen.
Wird so die Arbeitslosigkeit immer drückender, je länger die Krisis dauert und nimmt sie relativ, im Verhältnis zur industriellen Arbeiterschaft, von einem industriellen Zyklus zum anderen, Prosperitätperiode mit Prosperitätsperiode, Krise mit Krise verglichen, nicht ab, eher zu, so muss sie, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in der Nation in dem Maße wachsen, in dem in ihr die industrielle Bevölkerung über die landwirtschaftliche zunimmt. Denn die periodische Krise und die ihr entsprechende periodische Arbeitslosigkeit ist eine Eigentümlichkeit der kapitalistischen Industrie. Auch die kapitalistische Landwirtschaft leidet an Krisen, aber diese sind anderer Art als die industriellen, nicht periodisch und unabhängig von dem Kreislauf der letzteren. Auch das Problem der Arbeitslosigkeit ist in der Landwirtschaft ein anderes, als in der Industrie.
Aber die Dauer der Krisen und die Ausdehnung und Last der Arbeitslosigkeit wächst nicht bloß innerhalb der Nation, es wächst auch immer mehr der Kreis der Nationen, die dem Krisenzyklus unterliegen.
Die ersten Krisen beschränkten sich fast ganz auf England, neben dem bald auch Amerika in ihr Bereich kam. Das Jahr 1857 bringt schon Frankreich und Deutschland eine tiefgehende Krise. 1873 ist nicht bloß Deutschland, sondern auch Österreich bereits reif zu einem Krache ersten Ranges, das vergangene Jahrzehnt sieht Südamerika, Japan und Russland in die Reihe der Länder aufrücken, die an dem Segen periodischer, tiefgehender kapitalistischer Krisen teilnehmen. Die heutige Krise ist eine allgemeinere als je eine zuvor gewesen. Noch fehlt Amerika, aber dessen Krisen fielen nicht immer mit den europäischen zusammen. Der vorletzte Niedergang setzte in Europa 1890 ein, in Amerika dagegen erst 1893. Darnach wäre unter dem Gesetz des zehnjährigen Zyklus die amerikanische Krise erst 1903 fällig. Natürlich darf man dies Datum nicht als unfehlbar ansehen. Der Zyklus schwankt zwischen 8 bis 11 Jahren und kann durch große Kriege erheblich gestört werden.
Die amerikanische Krise wird notwendigerweise auf Europa zurückwirken und hier die Wirkungen der geschäftlichen Depression noch verstärken. Eine längere Zeit andauerndes Wiederaufleben der Geschäfte kann nicht erwartet werden, so lange die amerikanische Wetterwolke nicht vorbeigezogen: Sie könnte die jetzige Krise zu der umfangreichsten, vielleicht auch tiefstgehenden machen, die wir bisher gehabt.
Also nicht bloß in Bezug auf die Dauer und den Umfang der Arbeitslosigkeit in einem gegebenen Lande, sondern auch in Bezug auf die geographische Ausdehnung ist eine stete Erweiterung der Krisen zu konstatieren. Man kann also im Allgemeinen sagen, dass die Krisen sich immer mehr verschärfen und ausdehnen.
Dies Gesetz wird jedoch durch ein anderes etwas modifiziert, das Parvus in seiner bereits erwähnten Broschüre und auch schon früher entwickelt.
Er sagt dort:
„Es gibt Zeitpunkte, da die Entwicklung auf allen Gebieten der kapitalistischen Volkswirtschaft – in der Technik, auf dem Geldmarkt, im Handel, in den Kolonien – so weit herangereift ist, dass eine eminente Erweiterung des Weltmarktes stattfinden muss, die gesamte Weltproduktion auf eine neue, viel umfassendere Basis gehoben wird. Dann beginnt eine Sturm- und Drangperiode für das Kapital. Der periodische Wechsel von Aufschwung und Krisis wird dadurch nicht beseitigt, aber der Aufschwung entwickelt sich in einer stärkeren Progression, die Krisis wirkt schärfer, ist jedoch von kürzerer Dauer. So geht es, bis die angesammelten Entwicklungstendenzen zu ihrer vollen Entfaltung gelangen. Dann findet der schärfste Ausbruch der Handelskrisis statt, welche schließlich in die wirtschaftliche Depression übergeht. Die wirtschaftliche Depression ist durch eine Verlangsamung der Produktionsentwicklung charakterisiert. Sie verkürzt die Größe des Aufschwungs und seinen Spielraum, dehnt dagegen die Handelskrisis aus, die aber dadurch ihre Schärfe verliert. Man gewinnt fast den Eindruck, als ob die Produktion überhaupt sich nicht mehr emporarbeiten könnte, bis die Entwicklungspotenzen zu einer neuen Sturm- und Drangperiode herangereift sind.“ (S. 26)
Bewahrheitet sich diese Auffassung, dann stellt sie eine wertvolle Ergänzung und Bereicherung der Marxschen Krisentheorie dar. Tugan hat sie noch nicht gekannt und daher auch nicht in das Bereich seiner Erörterungen gezogen. Aber seine Geschichte der Krisen stimmt mit der Parvusschen Theorie sehr gut überein.
Die erste Krisenepoche des großindustriellen Kapitalismus in England umfasst die Zeit von 1815 bis 1849. Davon stellen die Jahre von 1815 bis 1836 eine Epoche dar, die man nach Parvus eine Sturm- und Drangperiode des Kapitals nennen könnte. Von da an bis 1849 finden wir eine Zeit vorwiegender Depression, nur durch kurze Zeiten eines Aufschwungs unterbrochen. Die französische Revolution schafft den Boden für den Aufschwung. Der ganze Zeitraum wird politisch charakterisiert durch den allgemeinen Frieden und die Reaktion, die nach der Erschöpfung durch die napoleonischen Kriege eintrat, technisch durch die Einführung der Dampfmaschine und die rascheste Ausdehnung des Eisenbahnwesens in England. Die Zeit der Depression von 1836 bis 1849 ist die Zeit des Chartismus.
Die zweite Epoche reicht von 1849 bis 1887; darunter sind die Jahre von 1849 bis 1873 solche der Sturm- und Drangperiode, in der Zeit von 1874 bis 1887 herrscht allgemeine und fast ununterbrochene Depression. Es ist die Revolution von 1848 mit ihren Ausläufern, den Kriegen gegen den Absolutismus in Russland und Österreich, gegen die Sklaverei in den Vereinigten Staaten, der Einigung Deutschlands und Italiens, die den Boden für diese Periode schafft. In ihrer Sturm- und Drangzeit herrschte der Freihandel, und die Länder der europäischen Zivilisation, inklusive die Vereinigten Staaten, werden rasch von einem Eisenbahnnetz überzogen und dadurch dem Weltmarkt erschlossen. Mit Tugan sehen wir in der stoßweisen Ausdehnung des internationalen Eisenbahnwesens eine der Hauptveranlassungen des Wechsels von Prosperität und Krise. Die Ausdehnung des Weltmarktes und die des Eisenbahnnetzes gehen im neunzehnten Jahrhundert Hand in Hand. Dazu gesellt sich noch der Einfluss der reichen Goldschätze, die seit 1848 in Kalifornien und seit 1851 in Australien erschlossen wurden. Nach der technischen Seite wird dieser Zeitraum wohl besonders gekennzeichnet durch die Revolutionierung der chemischen Industrie (im weitesten Sinne, also zum Beispiel auch die Zuckerindustrie inbegriffen). In die Zeit der Depression fällt der Aufschwung der deutschen Sozialdemokratie und ihr siegreicher Kampf mit Bismarck, die Bedrängung des Absolutismus durch die erstere größere revolutionäre Bewegung in Russland, das Wiedererwachen und rasche Erstarken des Sozialismus in England.
Seit 1887 hat eine neue Periode des Kapitalismus eingesetzt, anfangs schüchtern, seit 1895 so kraftvoll, wie man es dem alternden Kapitalismus nicht mehr zugetraut hätte. Diese neue Periode wird bedingt durch die Kolonialpolitik, das heißt die Verteilung der Erde unter ein border=halbes Dutzend Großmächte, und durch die Überziehung Mexikos, Zentral- und Südamerikas, Australiens, Afrikas, Ostindiens, Sibiriens, Japans mit Eisenbahnen. Technisch wird diese Zeit ausgezeichnet durch das Aufkommen der Elektrotechnik, begünstigt wird der Aufschwung durch die rapid wachsende Goldproduktion in Südafrika.
Die ersten beiden Sturm- und Drangperioden dauerten etwa 20 bis 25 Jahre. Da die neueste erst 15 Jahre alt ist, so können wir wohl erwarten, sie sei noch nicht an ihrem Ende angelangt und zwischen der jetzigen Krise und der sicher zu erwartenden Zeit länger dauernder chronischer Stagnation liege noch eine Periode wildesten Aufschwungs. Auch andere Erwägungen machen dies wahrscheinlich, namentlich der Umstand, dass die Zeit großer Bahnbauten in China noch vor uns liegt. Freilich könnte auch wieder ein Krieg um das wertvolle Beuteobjekt China den neuerwachsenden Aufschwung im Keime ersticken. Aber wie dem auch sein möge, ob wir nun nach einem einen bis zwei Jahren einer neuen, noch tolleren Prosperitätsepoche entgegengehen, als es die verflossene war, oder nicht – wir haben auf jeden Fall alle Ursache zu erwarten, dass auf die neueste Sturm- und Drangperiode ebenso, wie auf die beiden früheren eine Zeit chronischer Depression folgen wird, die auch eine Zeit kraftvollster sozialrevolutionärer Betätigung zu werden verspricht.
Die jüngste Sturm- und Drangperiode des Kapitalismus zeigt jedoch zwei Eigentümlichkeiten, die sie von ihren Vorgängern unterscheiden. Früher waren es unter den Nationen England, unter den Industrien die Textilindustrie, die den ökonomischen Kreislauf anführten und am stärksten zum Ausdruck brachten; England hat jetzt seine Rolle an Deutschland und Amerika, die Textilindustrie die ihrige an die Eisen- und Kohlenproduktion abgeben müssen.
Die Erfahrung lehrt, dass der industrielle Zyklus kapitalistisch entwickelter Staaten in den Zahlen der Ausfuhrstatistik gut zum Ausdruck kommt. Der Wert der Ausfuhr aus England betrug:
|
1823 |
710 Millionen Mark |
Sturm- und Drangperiode |
|
1836 |
1.068 Millionen Mark |
|
|
1848 |
1.058 Millionen Mark |
Stagnation |
|
1849 |
1.272 Millionen Mark |
Sturm- und Drangperiode |
|
1873 |
5.100 Millionen Mark |
|
|
1886 |
4.260 Millionen Mark |
Stagnation |
|
1887 |
4.440 Millionen Mark |
Sturm- und Drangperiode |
|
1899 |
5.100 Millionen Mark |
|
In der Periode von 1836 bis 1848 verlor die Ausfuhr nur unbedeutend; im ersten Jahre der zweiten Periode des Aufschwunges, 1849, stieg sie schon höher, als sie je vorher gewesen, um sich binnen 23 Jahren zu vervierfachen. Dagegen sinkt sie von 1873 an bis 1886 sehr erheblich und hat von da an binnen 13 Jahren gerade nur jene Höhe erreicht, die sie schon vor 26 Jahren erklommen.
Besonders schlimm steht es mit der Entwicklung der Ausfuhr in der Baumwollindustrie Englands. Sie betrug:
|
|
Garn |
Stoffe |
||
|---|---|---|---|---|
|
Menge |
Werth |
Menge |
Werth |
|
|
1820 |
23,0 |
56,6 |
250 |
273,8 |
|
1846–1850 |
139,8 |
131,4 |
1.157 |
375,2 |
|
1870–1874 |
205,5 |
307,4 |
8.446 |
1.097,2 |
|
1890–1894 |
235,9 |
206,2 |
4.975 |
1.011,4 |
|
1898 |
246,7 |
178,4 |
5.216 |
1.119,8 |
Also von 1820 bis 1874 ein Aufschwung des Wertes der Ausfuhr von 330 Millionen auf 1.404 Millionen, von da bis 1898 ein Rückgang auf 1298 Millionen. Zuerst fast eine Verfünffachung binnen 54 Jahren, dann binnen 24 Jahren nicht nur keine Zunahme, sondern ein Rückgang.
Aber auch in anderen Ländern stagniert die Textilindustrie, z. B. in Deutschland, wo ihre Entwicklung seit 20 Jahren erheblich hinter der der Gesamtindustrie zurückbleibt. Ich habe einige Daten darüber schon in meiner Broschüre über die Handelspolitik (S. 47) gegeben. Hier noch einige Zahlen, welche dieselbe Erscheinung von einer anderen Seite beleuchten. Die Zahl der gewerblich beschäftigten Personen wuchs im Deutschen Reiche von 1882 bis 1895 um 39 Prozent, in der Textilindustrie dagegen wuchs im gleichen Zeitraum das Personal nur um 9 Prozent. In allen anderen Gewerbegruppen war die Vermehrung eine stärkere, mit Ausnahme von Tierzucht und Fischerei (8,8 Prozent), welcher Erwerbszweig kaum in Betracht kommt. Er beschäftigt nur 3 Promille der Gewerbstätigen. Dagegen beschäftigte die Textilindustrie 1882 noch 124 und 1895 nur noch 95 Promille aller Gewerbstätigen. Eine direkte Abnahme der Beschäftigten finden wir in der Flachsspinnerei, um 11,4 Prozent, der Seidenweberei, um 26,5 Prozent, und der Leinenweberei, hier gar um 34,7 Prozent.
In Großbritannien steht’s freilich noch schlimmer mit der Textilindustrie. In England im engeren Sinne (ohne Schottland und Irland) wuchs von 1871 bis 1891 die Zahl der in der Industrie Beschäftigten von 5.137.725 auf 7.336.344, in der Textilindustrie dagegen bloß von 1.035.544 auf 1.128.589; das Personal der Gesamtindustrie also um 43 Prozent, das der Textilindustrie nur um 9 Prozent. Das bedeutet eine sehr erhebliche relative Abnahme, da die Bevölkerung im gleichen Zeitraum um 27 Prozent wuchs. In Deutschland ist die relative Abnahme der von der Textilindustrie lebenden Bevölkerung noch nicht so erheblich; sie nahm von 1882 bis 1895 um 9 Prozent zu, die Gesamtbevölkerung um 14,5 Prozent. Immerhin ist auch hier die Textilindustrie nicht mehr im Stande, mit dem Bevölkerungszuwachs gleichen Schritt zu halten.
Hand in Hand mit dem Erlahmen des Aufschwungs geht für die davon betroffenen Länder und Industriezweige auch eine Abschwächung der Krisen, eine Erscheinung, auf die wir schon oben hingewiesen. Sie werden weniger heftig, der Rückgang, der dem Aufsteigen folgt, ist weniger gewalttätig und gewaltsam. Tugan illustriert das in der verschiedensten Weise.
Aber diese Milderung der Wellenbewegungen im Auf- und Abwogen des Geschäftslebens ist keine Besserung; das Ausbleiben der Krise bedeutet auch das vorherige Ausbleiben der Prosperität. Es ist einmal ein Gesetz der kapitalistischen Produktionsweise, dass beide unlöslich miteinander verbunden sind, dass die Prosperität notwendigerweise erkauft werden muss mit einem gewaltsamen Krach dass dieser umso stärker, je höher jene, dass die Ära des Aufschwungs nichts sein kann als die Vorbereitung eines Zusammenbruchs.
Unter Umständen können einzelne begünstigte Arbeiterschichten, wie z. B. gewisse Elemente der englischen Textilarbeiterschaft, eine Zeitlang die Folgen der Lähmung des industriellen Aufschwungs von sich fernhalten. Aber sie können dies nur tun auf Kosten der übrigen Arbeiterschaft. Wenn die englischen Textilarbeiter sich nur um 9 Prozent vermehren, während die Bevölkerung um 27, die industrielle Bevölkerung um 43 Prozent wächst, dann können sie ihre bevorzugte Stellung nur dadurch aufrecht halten, dass sie den Bevölkerungszuwachs von sich abstoßen, in andere minder begünstigte Berufe, die nicht die Kraft haben, den Zustrom von Arbeitskräften von sich abzuwehren. Aber auch das muss ein Ende nehmen, wenn einmal die Entwicklung auch in den anderen Berufen zu stocken anfängt, wenn überall die Zahl der Beschäftigten langsamer zunimmt, als die Zahl der vom Verkauf ihrer Arbeitskraft lebenden Hände.
Und diesem Zustande steuert England entgegen. Tugan selbst konstatiert:
„Die letzten 30 Jahre zeichnen sich aus durch eine relative Verlangsamung der Entwicklung der englischen Industrie und einen Verfall der industriellen Suprematie Englands, sowie durch eine Veränderung des Charakters der Handelskrisen. Andauernde Depressionen sind an Stelle der akuten Krisen getreten.“ (S. 288)
Und auf S. 246 bemerkt er, „wenn wir heute auf dem englischen Warenmarkte nichts dem Spekulationsschwindel der früheren Zeit ähnliches bemerken, so ist das einfach dadurch zu erklären, dass die goldenen Zeiten der englischen Industrie vorüber sind“.
Sehr richtig, wie ist es aber zu erklären, dass diese goldenen Zeiten vorüber sind, ebenso vorüber, wie der goldene Boden des Handwerks? Das scheint nicht so „einfach“ zu sein, denn Tugan bleibt uns darauf die Antwort schuldig. Er muss sie schuldig bleiben vom Standpunkt seiner Krisentheorie aus, dass das Kapital sich selbst seinen eigenen Markt schafft.
Auf S. 230/31 polemisiert er gegen meine Ausführungen über die Krisenursachen (in meinem Buche Bernstein und das sozialdemokratische Programm) und erklärt dann:
„Ist, wie Kautsky annimmt, die Ausdehnung der Produktion praktisch grenzenlos, so müssen wir die Ausdehnung des Marktes als ebenso grenzenlos annehmen, denn es gibt bei der proportionellen Einteilung der gesellschaftlichen Produktion für die Ausdehnung des Marktes keine andere Schranke mehr außer den Produktivkräften, über welche die Gesellschaft verfügt.“
Wäre dies richtig, dann müsste die Industrie Englands umso schneller wachsen, je größer sein Kapitalreichtum. Stattdessen gerät sie ins Stocken, das wachsende Kapital wandert aus, nach Russland, Südafrika, China, Japan etc.
Diese Erscheinung findet ihre ungezwungene Erklärung durch unsere Theorie, welche den letzten Grund der Krisen in der Unterkonsumtion sieht, und bildet eine der Stützen dieser Theorie; sie ist unbegreiflich vom Standpunkt Tugan-Baranowskys aus. Wir erfahren auch nicht von ihm, ob er annimmt, dass hier ein ökonomisches Gesetz vorliegt, demzufolge auch die anderen industriellen Staaten früher oder später aus dem goldenen Zeitalter in das eiserne, aus der Zeit des schroffen Wechsels von Aufschwung und Krach in die Zeit chronischer Depression mit nur matten gelegentlichen Anläufen zu lebhafterem Geschäftsgang übergehen müssen.
Nach unserer Theorie ist diese Entwicklung eine Notwendigkeit und es wird dadurch allein schon bezeugt, dass die kapitalistische Produktionsweise ihre Grenzen hat, über die sie nicht hinauskann. Es muss eine Zeit kommen, und sie liegt vielleicht schon sehr nahe, von der an es unmöglich wird, dass der Weltmarkt sich jemals auch nur vorübergehend rascher ausdehnt als die gesellschaftlichen Produktivkräfte, wo für alle industriellen Nationen die Überproduktion chronisch wird. Auch für diese Zeit ist ein Auf- und Absteigen des wirtschaftlichen Lebens möglich und wahrscheinlich; eine Reihe technischer Umwälzungen, die eine Masse bestehender Produktionsmittel entwerten und große Neuschaffungen an Produktionsmitteln hervorrufen, die Entdeckung neuer reicher Goldlager und dergleichen, kann auch dann noch zeitweise den Geschäftsgang beleben. Aber die kapitalistische Produktionsweise bedarf ununterbrochener, rascher Ausdehnung, soll nicht die Arbeitslosigkeit und das Elend für die Arbeiter und die Unsicherheit für die kleinen Kapitalisten aufs Höchste steigen. Der Fortgang der kapitalistischen Produktion bleibt selbstverständlich auch in diesem Stadium chronischer Depression noch möglich, aber sie wird für die Masse der Bevölkerung völlig unerträglich, diese sieht sich gezwungen, nach einem Ausweg aus dem allgemeinen Elend zu suchen und sie kann diesen nur im Sozialismus finden.
Indessen stimme ich Tugan vollkommen in der Erwartung bei, dass es zu einer derartigen Zwangslage, die der Bevölkerung den Sozialismus aufdrängt, nicht kommen wird. Ich habe das schon in meinem Buche bemerkt. (S. 145) Meine Gründe weichen allerdings von denen Tugans ab. Ich halte diese Zwangslage für unausweichlich, wenn die ökonomische Entwicklung wie bisher vor sich geht, aber ich erwarte, dass der Sieg des Proletariats zeitig genug eintritt, um der Entwicklung eine andere Richtung zu geben, ehe die fragliche Zwangslage eintritt, so dass es möglich wird, dieser zu entgehen.
Wenn ich aber darin Tugan zustimme, und wenn wir anderseits darin übereinstimmen, dass die Krisen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise unüberwindbar sind, welchen praktischen Wert haben dann unsere theoretischen Differenzen? Ob die Krisen in der Unterkonsumtion oder in der mangelnden Proportionalität der gesellschaftlichen Produktion ihren letzten Grund haben – ist das mehr als eine bloße Doktorfrage?
So dürfte mancher „Praktiker“ versucht sein, zu meinen. Tatsächlich hat diese Frage eine große praktische Bedeutung, und zwar gerade für die jetzigen taktischen Differenzen, die in unserer Partei diskutiert werden. Es ist kein Zufall, dass der Revisionismus die Marxsche Krisentheorie besonders heftig bekämpft.
Als neue Richtung unserer praktischen Taktik bedeutet der Revisionismus in seinen letzten Konsequenzen – deren sich freilich nicht jeder Revisionist klar bewusst zu sein braucht – nichts Anderes als die Umwandlung der Sozialdemokratie aus einer Partei des proletarischen Klassenkampfes in eine demokratische oder in den linken Flügel einer demokratischen Partei sozialistischer Reformen, die alle demokratischen Klassen und Klassenteile umfasst. Ein derartige Neubelebung der alten kleinbürgerlichen Demokratie, wie sie jetzt zum Beispiel Millerand und Jaurès in Frankreich predigen, kann nur Derjenige für möglich halten, der annimmt, dass der Klassengegensatz zwischen dem Proletariat und den besitzenden Klassen in steter Abschwächung begriffen ist, wie umgekehrt Jeder, der die Verwandlung der proletarischen Sozialdemokratie in eine derartige modernisierte Volkspartei wünscht, naturgemäß dahin gedrängt wird, alle jene Momente, die auf eine Milderung der Klassengegensätze hinwirken, zu überschätzen und die in entgegengesetzter Richtung tätigen Momente zu unterschätzen.
Theorie und Taktik stehen in innigster Wechselwirkung miteinander, man kann nicht die eine ändern, ohne gedrängt zu werden, auch die andere entsprechend umzugestalten. Mit der Anschauung von der Milderung der Klassengegensätze ist aber unsere Theorie der Krisen unvereinbar. Erweist sie sich als richtig, geht die kapitalistische Produktionsweise einer Periode ständiger Depression entgegen für den Fall, dass das Proletariat nicht früher die politische Herrschaft erobert, so muss die ökonomische Entwicklung die Klassengegensätze früher schon verschärfen, ehe noch dieser Zustand ständiger Depression erreicht ist.
Tatsächlich sehen wir, dass den industriellen Nationen heute schon der Weltmarkt nicht mehr als unermesslich, sondern als eng begrenzt erscheint, so dass nicht mehr die freie Konkurrenz auf dem Weltmarkt, sondern die Monopolisierung möglichst großer Stücke desselben die Losung ist, wobei bisher als Hauptmittel koloniale Eroberung, Schutzzoll, Kartelle in Tätigkeit treten und das Ergebnis ständige Verschärfung der Gegensätze zwischen den großen Industriestaaten ist.
Manche Revisionisten – die „nationalen“ unter ihnen – erkennen dies an, aber sie schließen gerade daraus auf die Notwendigkeit, dass das Proletariat mit der Bourgeoisie Hand in Hand gehe, wenigstens dem Ausland gegenüber, und sie meinen, unsere Internationalität erweise sich als eine traditionelle Sentimentalität ohne reale Grundlage. Die guten Leute vergessen, von allem Anderen abgesehen, dass trotz aller Monopolisierungsversuche die freie Konkurrenz untrennbar mit der kapitalistischen Produktionsweise verbunden ist und immer wieder ihre Gesetze geltend macht, dass der entscheidende Faktor auf dem Weltmarkt schließlich doch immer die Billigkeit der Waren ist. Das heißt aber, dass der Drang nach Herabdrückung der Löhne und intensiverer Anspannung der Arbeiter und ebenso der Drang nach der Sprengung oder doch Verkümmerung ihrer Organisationen in der Kapitalistenklasse umso lebendiger ist, je stärker die Konkurrenz auf dem Weltmarkt, je beengter dieser im Verhältnis zu den unermesslich anwachsenden Produktivkräften des Kapitalismus.
So lange die englische Industrie den Weltmarkt beherrschte, konnten die englischen Arbeiter ihren Kapitalisten die Anschauung beibringen, leben und leben lassen sei die beste Politik. Das nimmt ein Ende, sobald ebenbürtige, vielfach sogar überlegene Konkurrenten auf dem Weltmarkt auftreten, Deutschland und Amerika. Nun beginnt auch in England wieder der Kampf gegen die Gewerkschaften, der umso intensiver einsetzen wird, je schärfer die Konkurrenz jeder dieser industriellen Großmächte. Tugan sieht ein versöhnendes Moment gegenüber dem relativen Niedergang der Industrie und der Verschärfung der Arbeitslosigkeit Englands in dem Wachstum seiner Gewerkschaften, die bis zu einem gewissen Grad die Nachtheile der erstgenannten beiden Faktoren paralysieren könnten. Er untersucht aber nicht, welches die Wirkungen der wachsenden Konkurrenz des Auslandes auf das Verhältnis der englischen Kapitalisten zu den Gewerkschaften und rückwirkend auf deren Haltung selbst sein müssen. Trotz Krisen und Kartellen und gerichtlichen Verfolgungen geben wir die Gewerkschaften nicht verloren. Aber der Gegensatz zwischen ihnen und den Kapitalisten wird und muss auch in England zunehmen, sie müssen sich auch politisch von diesen loslösen und einen Rückhalt bei den organisierten Proletariern anderer Länder suchen. Also nicht engere Annäherung an die Kapitalisten des eigenen Landes und Lockerung der Beziehungen zu den Proletariern der anderen Länder, sondern das Gegenteil folgt aus der Verengung des Weltmarktes, trotz aller nationalen Verhetzungen und bürgerlichen Harmoniedudeleien unserer Heimats- wie unserer Weltpolitiker.
Wie die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit innerhalb jeder Nation müssen aber auch die Gegensätze zwischen den Ausbeutern der verschiedenen Nationen in dem Maße wachsen, in dem der Weltmarkt sich verengt (diese Verengung natürlich immer relativ, im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Produktivkräften genommen, denn absolut erweitert er sich immer mehr). Heute wird der Zollkrieg gegen Amerika gepredigt, nachdem gestern die Flottenrüstung gegen England gepredigt worden. Wie lange noch, und es kommt zum wirklichen Kampfe, zum Zollkampf oder zum Kampfe der Waffen! Wenn die Parvussche Theorie von den Sturm- und Drangperioden des Kapitals sich bestätigt und die dritte dieser Perioden, in der wir drin sind, noch nicht abgelaufen ist, dann dürfte der Aufschwung, den wir noch zu erwarten haben, ehe eine längere Depression eintritt, die Kriegsgefahr nicht mindern, sondern noch vermehren. Denn es scheint, als wenn Zeiten der Prosperität nicht nur für kommerzielle, sondern auch für kriegerische Unternehmungen den Wagegeist besonders anstachelten.
Die letzte Sturm- und Drangperiode des Kapitals war auch eine Periode großer europäischer Kriege, in denen die damaligen Bedürfnisse der Bourgeoisie nach nationaler Zusammenfassung (in Deutschland und Italien), nach Erschütterung des Absolutismus (in Österreich und Russland) und nach Freihaltung der Thür nach dem Orient (Türkei) sich Geltung verschafften. Diese Sturm- und Drangperiode dauerte von 1849 bis 1874. Die kriegerische Periode begann 1853 und endete 1878.
Die Zeit der Depression war eine Zeit des Friedens, mit dem Aufschwung der Geschäfte kamen auch wieder die Kriege. Wenn wir vom japanisch-chinesischen absehen wollen, der außerhalb des Kreises des europäischen Kapitalismus ausbrach, ist hierher zu rechnen der amerikanisch-spanische und der südafrikanische Krieg, sowie der Kreuzzug nach China. Dass diese beiden letzteren Abenteuer bisher nicht einen Weltbrand entzündeten, ist offenbar dem Ausbruch der Krisis in Russland zuzuschreiben. Ohne diese hätten wir vielleicht schon den Weltkrieg um die ostasiatische Erbschaft. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Der Kampf der herrschenden Kapitalistencliquen um den Weltmarkt bleibt uns nicht erspart. Welche Formen er immer annehmen mag, er wird an Katastrophen nicht arm sein.
Krisen, Kriege, Katastrophen aller Art, diese liebliche Alliteration ist es, die uns die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte in Aussicht stellt. Wie der Traum von der Aufhebung der Krisen durch die Kartelle, wie der andere Traum von der unmerklichen, friedlichen, stückweisen Eroberung der politischen Macht durch Experimente à la Millerand, und wie endlich auch der schöne Traum der Durchdringung der herrschenden Klassen Englands mit sozialistischem Geiste binnen wenigen Jahren in Rauch verflogen ist – wo sind heute die liberalen Sozialpolitiker Englands, wo die Fabier, wo der Widerstand gegen die Lahmlegung der Gewerkschaften durch die Gerichtshöfe? – so werden die Ereignisse der nächsten Jahre wohl dahin führen, dass jener Traum ebenfalls verfliegt, der uns vorspiegelte, Kriege und Katastrophen seien Dinge der Vergangenheit und vor uns liege nur noch die geebnete Bahn friedlichen, ruhigen Fortschritts.
Dahin mögen unsere Wünsche gehen; die kapitalistische Gesellschaft beruht aber auf dem Kampfe von Gegensätzen, die zeitweise sich abschwächen mögen, schließlich aber sich immer wieder verschärfen, und die ausgefochten werden müssen, ehe jener Zustand gesellschaftlicher Harmonie möglich wird, den wir Alle erstreben.
Auf dem Grunde aber aller dieser Gegensätze und Widersprüche, nicht nur der Krisen allein, sondern des ganzen kapitalistischen Getriebes, finden wir die wachsende Ausbeutung der Massen und die daraus erwachsende Akkumulation von Kapital.
Zuletzt aktualisiert am 21. Oktober 2026