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Karl Kautsky, Zum internationalen Kongress, Die neue Zeit, 22. Jg., 2. Bd. (3. August 1904), H. 45, S. 577–585.
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.05233&dok=1903-04b&f=190304b_0577&l=190304b_0585.
Transkription: Daniel Gaido.
HTNL-Marrkierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.
Zum sechstenmal seit der Begründung der neuen Internationale werden die Vertreter des internationalen Sozialismus am 14. August in Amsterdam zusammentreten. Erst anderthalb Jahrzehnte sind verflossen seit den Tagen des ersten in der neuen Reihe der internationalen Kongresse; eine kurze Spanne im Leben der Völker, und doch ist bereits heute die Situation eine ganz andere als zur Zeit des ersten internationalen Kongresses zu Paris.
Aber sind dementsprechend auch die Aufgaben, die der internationale Kongress zu lösen hat, heute vielfach ganz andere als vor zehn und fünfzehn Jahren, so werden sie nicht geringere sein.
Schon die Prüfung der Mandate dürfte wieder, wie auf früheren Kongressen, einige Schwierigkeiten bieten. Freilich, die Hindernisse, die uns ehedem durch die Frage der Zulassung der Anarchisten bereitet wurden, sind völlig beseitigt.
Amsterdam ist vielleicht der einzige Ort der Welt, in dem es noch eine beträchtliche Anzahl anarchistischer Organisationen gibt – wenn man als Anarchismus etwas bezeichnen darf, das, bei Lichte betrachtet, nichts ist als Nurgewerkschaftlerei, die durch das Ansehen eines einzigen Mannes, Domela Nieuwenhuis, mit anarchistischen Argumentationen erfüllt wird. Aber trotz der relativen Stärke des Anarchismus in Amsterdam haben wir nicht zu erwarten, dass sich dort die Szenen von Zürich und London wiederholen.
Wie etwas Längstvergangenes muten uns die Debatten dieser Kongresse über die Anerkennung der anarchistischen Mandate an, aber die Argumentationen, durch die sie ihre Zulassung erzwingen wollten, kommen uns vor, als hätten wir sie gestern erst gehört. Die Anarchisten warfen den Sozialdemokraten Intoleranz vor, Sektengeist, kirchliche Exkommunikation Andersgläubiger und wie alle die schönen Ausbrüche sittlicher Entrüstung über die Erdrückung der freien Persönlichkeit lauten. Aber unsere Genossen ließen sich dadurch nicht einschüchtern und wiesen damals schon darauf hin, dass eine Partei kein Staat sei, in dem für die verschiedensten politischen Anschauungen Raum sein müsse, sondern eine freiwillige Vereinigung Gleichgesinnter; dass es den Grundgedanken jeder Organisation verneinen hieße und jedes ersprießliche Wirken unmöglich machen würde, wollten Leute, die entgegengesetzte Ziele, oder gleiche Ziele mit gegensätzlichen Mitteln anstreben, sich zu gemeinsamem Wirken zusammentun.
Die „Freiheit“ und „Persönlichkeit“ der Anarchisten wurde in der Tat durch unsere „Intoleranz“ nicht im mindesten gefährdet; im Gegenteil, sie wurde dadurch besser gewahrt, als wenn wir sie zu unseren Verhandlungen zugezogen und dann majorisiert hätten. Und nur durch diese „Intoleranz“ wurde einträchtiges Zusammenwirken innerhalb jeder der beiden Richtungen ermöglicht, sowie die Reibungsfläche zwischen beiden vermindert, während die „Toleranz“ nur ewigen Zank im Gefolge gehabt hätte.
Man sollte glauben, das hätten die Anarchisten ebenso einsehen müssen wie wir und sie hätten anerkennen müssen, dass zu den unveräußerlichen Menschenrechten auch das gehört, dass keine Organisation sich einen Gegner ihres Strebens und Wirkens als Mitglied aufdrängen zu lassen braucht. Wenn die Anarchisten trotzdem 1893 und 1896 so sehr darauf erpicht waren, zu unseren Kongressen zugelassen zu werden, so wird das nur erklärlich durch ihre Schwäche. Sie fühlten, sie seien nichts außerhalb der großen sozialistischen Bewegung; sie wollten daher die Machtmittel dieser Bewegung sich dienstbar machen, deren Grundsätze und Taktik sie bekämpften; sie wollten alle Vorteile der Organisation ohne ihre Pflichten. Ihr Motto war: Alle für einen; einer gegen alle.
Das sind vergangene Dinge. Die Schwierigkeit bei der Prüfung der Mandate wird diesmal mit dem Anarchismus nichts zu tun haben; sie wird dem Begriff der Nationalität entspringen; sie wird nicht die Delegationen aller Staaten betreffen, sondern nur einige, wahrscheinlich nur solche des barbarischen Osteuropa, dessen politische Entwicklung noch nicht zum Nationalstaat fortgeschritten ist.
Wo in einem Staate mehrere Nationen zusammenwohnen, die verschiedene Sprachen sprechen, wird die sozialistische Propaganda eine mehrsprachige werden müssen. Mag sie dort auch bei einer einzelnen Nation beginnen – wahrscheinlich der herrschenden, die kulturell und ökonomisch in der Regel die vorgeschrittenste ist –, ihre Ausdehnung wird sich notwendigerweise darin äußern, dass sie die anderen Nationen ergreift und damit immer vielsprachiger wird. Man kann auf das Volk nur wirken, wenn man seine Sprache spricht. Die sozialistische Bewegung jeder Nationalität bedarf daher ihrer besonderen Literatur, ihrer besonderen Agitationsorganisation, ihrer besonderen Agitatoren. Das Wachstum der sozialistischen Bewegung äußert sich da nicht nur im Wachstum der einen ursprünglichen sozialistischen Organisation und Literatur, sondern auch im Entstehen anderer, von ihr getrennter Organisationen und Literaturen, also in einer fortschreitenden Zersplitterung, die durchaus kein Vorteil, aber unvermeidlich ist, einer der vielen besonderen Nachteile, mit denen die sozialistische Bewegung dort zu kämpfen hat, wo sie einem Boden entwächst, der nicht, wie in Westeuropa, durch ein jahrhundertelanges Regime der Bourgeoisie für den proletarischen Emanzipationskampf vorbereitet wurde.
Aber wie mannigfach auch die Nationalitäten in einem Staate sein mögen, die Proletarier aller Zungen stehen dem gleichen Feinde gegenüber, dem gleichen nationallosen, unpersönlichen Kapital. Derselbe Grund, der die „Internationale“ schuf, der es notwendig macht, dass die Proletarier aller Länder sich vereinigen, er macht es auch notwendig, dass die Proletarier aller Nationen eines Landes sich vereinigen; ja, diese Vereinigung ist noch notwendiger, sie muss eine noch engere sein als in der „Internationale“, weil hier neben dem einen gemeinsamen Feinde, dem Kapital, noch ein anderer auftritt, der sie alle in gleicher Weise bedroht und bedrängt: die Staatsgewalt. Gegen die ungeheuren Machtmittel des Kapitals und des Staates kann nur eine geschlossene, einheitliche Organisation des Proletariats einigermaßen aufkommen.
Muss daher in einem Nationalitätenstaat die Organisation des Proletariats zu Propagandazwecken eine nationale und daher nach Nationen geteilte sein, so muss sie zu Zwecken des Kampfes, des politischen wie des gewerkschaftlichen, eine einheitliche, die Proletarier aller Nationen umfassende sein. Es ist nicht leicht, eine Organisationsform zu finden, die den beiden einander anscheinend widersprechenden Bedingungen gerecht wird. Am frühesten tauchte das Problem in Österreich auf, und dort ist es auch am vollkommensten gelöst worden. Auch wir in Deutschland haben es kennen gelernt, seit dem Aufkommen einer polnischen sozialistischen Bewegung, aber es ist noch nicht gelungen, einen allseitig befriedigenden Zustand in der Weise herzustellen, dass die Autonomie der polnischen Genossen auf die Propaganda beschränkt und zu Zwecken der Aktion ihre Organisation der großen Organisation der Sozialdemokratie des Deutschen Reiches einverleibt wird.
Aber ebenso wenig wie die österreichische hatte die deutsche Sozialdemokratie bisher Ursache, mit diesen Schwierigkeiten vor den internationalen Kongress zu kommen. Anders steht es jetzt mit Russland. Dieser Staat enthält neben der großen russischen Nationalität (im europäischen Russland 76 Millionen, davon wieder 17 Millionen Kleinrussen) noch zahlreiche Völkertrümmer aller Art – so 7 Millionen Polen, 2½ Millionen Litauer, 1 Million Letten, 2 Millionen Finnen, ebenso viele Georgier, 1 Million Armenier, 5 Millionen Juden usw. Aus ihnen allen rekrutiert sich das russische Proletariat und mit dem Fortschreiten der proletarischen Bewegung bildet sich für jede dieser Nationen eine besondere sozialistische Literatur und Organisation. Und deren Zahl wird noch wachsen. Ist es aber überall schwer, die verschiedenen nationalen Organisationen eines Staates zu einer Gesamtorganisation zusammenzufassen, so doppelt schwer in Russland, wo jede Organisation eine geheime sein muss und wo der innere Verkehr bei der dünnen Bevölkerung und den ungeheuren Entfernungen und dem Mangel an Kommunikationsmitteln ein so geringer ist. Da wird jede Organisation in jeder Lokalität viel mehr auf sich gestellt als anderswo, da ist der Zusammenhang verschiedener Organisationen, auch wenn sie derselben Nationalität angehören, ein lockerer, kann ihre Zusammenfassung und ihre Leitung durch einen Zentralkörper weniger als anderswo eine formale sein, muss sie mehr als anderswo auf Imponderabilien beruhen.
Zu diesen Imponderabilien gehören aber auch die Beschlüsse der internationalen Kongresse. Je nachdem diese bei der Mandatsprüfung ausfallen, können sie die nationale Zersplitterung des russischen Sozialismus oder aber seinen Zusammenschluss fördern. Es bedarf keiner Ausführung, wie wichtig das letztere gerade im jetzigen Moment wäre, wie verderblich, wenn der internationale Kongress seiner Losung: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ die Losung hinzufügte: „Proletarier Russlands, trennt euch nach Nationen!“
Es haben sich bei dem internationalen Bureau bereits verschiedene nationale Organisationen aus Russland gemeldet, über deren Anerkennung als besondere Organisationen Zweifel bestehen. Dem Kongress selbst wird die Entscheidung darüber zufallen. Sie wird wichtig werden für die Entwicklung der russischen Sozialdemokratie, aber sie ist auch von Bedeutung für den Kongress selbst. Denn dort wird bei wichtigen Fragen nicht nach Köpfen, sondern nach Nationen abgestimmt. Jede Nation, ob groß oder klein, hat eine Stimme. Das Übergewicht der kleinen Nationen, das dadurch geschaffen ist, würde noch erheblich vermehrt, wenn man jeder Nation Russlands und überhaupt des östlichen Europa, und sei ihre Organisation noch so unbedeutend, eine Stimme verliehe. Andererseits erhielten dadurch einzelne Staaten ein Pluralvotum. Österreich verfügt heute schon über vier Stimmen auf dem internationalen Kongress – Deutschösterreich, Ungarn, Böhmen, Polen, in dessen Delegation wohl die galizische überwiegt. Wenn in der russischen Delegation neben den Großrussen noch die Vertreter von Kleinrussen, Litauer, Letten, Finnen, Armenier, Georgier, Juden, als die besonderer Nationen mit besonderem Stimmrecht anerkannt werden, verleiht das Russland acht Stimmen (von den Polen abgesehen, die wir zu Österreich rechnen) – fast ebenso viel, wie alle Staaten Westeuropas zusammengenommen.
Die Frage ist aber nicht einfach dadurch zu lösen, dass man jedem Staate nur eine Stimme zuerkennt. Frühere Kongresse haben durch Anerkennung der polnischen, tschechischen, irischen Delegation schon Präzedenzfälle im gegenteiligen Sinne geschaffen. Die Lösung der Frage bietet also mannigfache Schwierigkeiten. Hoffen wir, dass es dem Kongress gelingt, einen Ausweg zu finden, der die sozialistische Propaganda wie die sozialistische Aktion gegen unseren Erbfeind, den Zaren, in gleicher Weise ermutigt.
So wichtig in dieser Beziehung die Prüfung der Mandate werden dürfte, so ist doch zu erwarten, dass sie den Kongress bei weitem weniger beschäftigen und erregen wird, als etwa 1893 und 1896. Er wird mehr Zeit und Aufmerksamkeit seinen eigentlichen Aufgaben widmen können.
Die Liste dieser ist eine höchst umfangreiche – vielleicht zu umfangreiche. Als die wichtigste der vorgelegten Fragen dürfte sich aber jene erweisen, die seit einem halben Dutzend von Jahren die gesamte internationale Sozialdemokratie aufs lebhafteste beschäftigt, die auch unserem letzten Parteitag in Deutschland ihr Gepräge gab, die der internationale Kongress von 1900 schon diskutierte, die Frage unserer Taktik, das heißt im Grunde, unseres taktischen Verhaltens zur bürgerlichen Demokratie. Aber die Situation ist heute einfacher, klarer, als sie 1900 zu Paris war, und darum kann heute auch die Antwort klarer sein.
Damals hatte die Ministerschaft Millerands noch nicht viel mehr als ein Jahr gedauert, nachdem sie plötzlich und ganz unvermutet den Sozialismus überrascht hatte. Keinem Sozialisten wäre es bis dahin eingefallen, von der Partei zu verlangen, sie solle auf die Gewinnung eines Ministerpostens in einer bürgerlichen Regierung hinarbeiten. Als Millerand den Posten annahm, wurde dies von seinen eigenen Freunden weniger als ein Sieg begrüßt, denn als ein Opfer entschuldigt, das der Sozialismus der Republik zu bringen hat. Nicht um die Regierungsgewalt für den Sozialismus zu erobern, sondern um die Republik vor der Säbelherrschaft zu retten, war Millerand, wie es hieß, in das Ministerium eingetreten. Erst allmählich bildete sich dann die Theorie aus, der Eintritt eines Sozialisten in ein bürgerliches Ministerium sei eine notwendige Etappe auf dem Vormarsch des Sozialismus zur Eroberung der politischen Macht, und daher von vornherein von unserer Partei anzustreben.
Zur Zeit des Pariser Kongresses wurde die Ministerschaft Millerands durch beide Argumente verteidigt – mancher Verehrer Millerands brachte gleichzeitig beide vor, obwohl sie einander widersprachen. Beide Argumente mussten vom Kongress erledigt werden, aber es ging nicht an, auf beide die gleiche Antwort zu geben. Etwas anderes ist es für das Proletariat, zu einem bestimmten Zwecke gelegentlich mit bürgerlichen Elementen zusammenzuwirken und zu glauben, ein solches Zusammenwirken bürgerlicher und proletarischer Elemente sei der Weg, die politische Macht für das Proletariat zu erobern.
Der Eintritt Millerands ins Ministerium als Mittel, die Republik zu retten, war nicht prinzipiell zu verurteilen, auch nicht von jenen, die, wie wohl die meisten von uns, der Meinung waren, dieser Schritt sei im gegebenen Falle zur Rettung der Republik nicht notwendig gewesen. Das Verlangen der revolutionären Bevölkerung von Paris am 4. September 1870, ein Sozialist, Blanqui oder Delescluze, solle in die Regierung der nationalen Verteidigung aufgenommen werden, ist noch nie als ein Verrat am Prinzip des proletarischen Klassenkampfes angesehen worden. Ebenso wenig die Erklärung, die Blanqui trotz seiner Zurückweisung am 7. September für sich und seine Freunde abgab, sie würden die Regierung energisch und unbedingt unterstützen.
Derartige Unterstützungen der Regierung in besonderen Zwangslagen zu einem bestimmten Zwecke sind auch für die entschiedenste Oppositionspartei mitunter unvermeidlich. Aber sie haben nichts zu tun mit dem Kampfe um die politische Macht.
Diese Erörterung hat heute jedoch nur noch akademisches Interesse. Millerand ist längst aus der Regierung geschieden, ohne die Republik zu gefährden; er hat inzwischen sogar gezeigt, dass ihm der Ministerposten Hauptsache und die Republik sehr gleichgültig ist. Die Frage des Eintritts eines Sozialisten in ein bürgerliches Ministerium wird heute nicht mehr unter dem Gesichtspunkt der Zwangslage, sondern nur noch unter dem der Eroberung der politischen Gewalt betrachtet, und sie hat sich inzwischen zu der Frage erweitert: Wie soll sich die Sozialdemokratie einem bürgerlichen, demokratischen Regime gegenüber verhalten? Darf sie da Regierungspartei werden oder muss sie fortfahren, Oppositionspartei zu bleiben?
Für uns in Deutschland hat freilich auch diese Frage nur in sehr verdünnter Form eine praktische Bedeutung, nur in der Form: Soll die Sozialdemokratie der wachsenden Reaktion dadurch begegnen, dass sie sich auf große Kämpfe vorbereitet, vor allem ihre Machtmittel stärkt und den Volksmassen alle Illusionen über den bürgerlichen Liberalismus nimmt, oder dadurch, dass sie allen großen Kämpfen aus dem Wege geht und sich zur Bundesgenossenschaft mit bürgerlichen Parteien geeignet zu machen sucht?
Am schärfsten entbrannt ist der Kampf zwischen den beiden Richtungen heute in Italien; wie die Debatten von Paris sich hauptsächlich um französische, werden die von Amsterdam sich vielleicht vornehmlich um italienische Dinge drehen.
Angesichts dessen dürfte eine Reminiszenz nicht ohne Interesse sein, ein Brief, den Engels vor zehn Jahren, am 26. Januar 1894, an Turati richtete. Dieser hatte ihn, „den trefflichen Kenner der italienischen Verhältnisse“ (informatissimo delle cose italiane), darauf aufmerksam gemacht, dass in Italien eine politische Krise bevorstehe – es war die Zeit der sizilianischen Unruhen und der Bankskandale – und gefragt, welche Haltung die Partei gegenüber der erwarteten revolutionären Bewegung einzunehmen habe.
In seiner Antwort weist Engels darauf hin, dass das industrielle Proletariat in Italien noch schwach entwickelt sei. Die Mehrheit der städtischen Bevölkerung bestehe aus Handwerkern, Krämern, Deklassierten.
„Diese Klasse, die stets vor dem ökonomischen Ruin steht und stets zur Verzweiflung neigt, kann allein die Masse der Kämpfer und Führer einer revolutionären Bewegung liefern. Sie werden unterstützt werden von den Bauern, deren Isolierung und Unwissenheit ihnen eine wirksame Initiative verbieten, die aber kraftvolle und unentbehrliche Hilfstruppen sein werden.
„Im Falle eines mehr oder weniger friedlichen Erfolges wird es einen Ministerwechsel geben und die ‚bekehrten‘ Republikaner werden ans Ruder kommen, die Cavallotti und Konsorten. Im Falle der Revolution kommt es zur bürgerlichen Republik.
„Was wird in dieser Situation die sozialistische Partei zu tun haben?
„Seit 1848 war die Taktik, welche die meisten Erfolge aufzuweisen hatte, die des Kommunistischen Manifestes: ‚Die Kommunisten ... vertreten in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung. ... Sie kämpfen für die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung.‘ Sie nehmen daher kräftigen Anteil an jeder der Phasen in der Entwicklung des Kampfes der beiden Klassen, ohne jemals zu vergessen, dass diese Phasen nur ebenso viele Etappen auf dem Wege zu dem großen Hauptziel sind: der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat als Mittel der gesellschaftlichen Reorganisation. Sie müssen an jedem Kampfe für einen unmittelbaren Vorteil der Arbeiterklasse teilnehmen und jeden Gewinn für diese akzeptieren – aber nur als Abschlagszahlung. Daher betrachten sie jede revolutionäre oder fortschrittliche Bewegung als einen Schritt vorwärts auf ihrem eigenen Wege. Es ist ihre besondere Aufgabe, alle anderen revolutionären Parteien vorwärtszudrängen und, wenn eine von ihnen siegt, dabei die Interessen des Proletariats zu wahren. Diese Taktik, die das große Endziel (il gran fine) nie aus den Augen verliert, erspart den Sozialisten die Enttäuschungen, denen alle anderen weniger klarsehenden Parteien unfehlbar ausgesetzt sind, seien es Republikaner oder Gefühlssozialisten, die eine bloße Etappe mit dem Endziel (termine finale) des Vormarsches verwechseln.
„Wenden wir das auf Italien an.
„Der Sieg des in Auflösung begriffenen Kleinbürgertums und der Bauern wird vielleicht ein Ministerium der ‚bekehrten‘ Republikaner bringen. Dieses verschaffte das allgemeine Wahlrecht und beträchtliche Bewegungsfreiheit (für Presse, Versammlungen, Vereine), neue Waffen, die nicht zu verachten sind.
„Aber er bringt die bürgerliche Republik mit denselben Männern, vermehrt um einige Mazzinianer. Dadurch würde unser Aktionsfeld bedeutend erweitert, wenigstens für den Augenblick. Und wie Marx sagte, ist die bürgerliche Republik die einzige politische Form, in welcher der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie zum Austrag kommen kann. Ganz abgesehen von der Rückwirkung auf Europa.
„Der Sieg der revolutionären Bewegung, welcher sich vorbereitet, kann uns also nur stärken und uns in eine günstigere Atmosphäre versetzen. Wir würden den größten Fehler begehen, wollten wir uns in dieser Situation in unserer Haltung gegenüber den verwandten Parteien auf eine rein negative Kritik beschränken. Es könnte der Moment kommen, in dem es unsere Pflicht wäre, mit ihnen positiv zusammenzuarbeiten. Welches wird dieser Moment sein?
„Offenbar kann man nicht von uns erwarten, dass wir eine Bewegung vorbereiten, welche die von uns vertretene Klasse nicht direkt angeht. Wenn Republikaner und Radikale glauben, die Stunde der Erhebung sei gekommen, mögen sie losschlagen. Was uns anbelangt, so wurden wir schon zu oft durch die tönenden Versprechungen dieser Herren getäuscht, um uns nochmals fangen zu lassen. Weder ihre Proklamationen noch ihre Konspirationen dürfen uns beeinflussen. Wenn wir auch die Aufgabe haben, jede wirkliche Volksbewegung zu unterstützen, so sind wir ebenso verpflichtet, den kaum gebildeten Kern unserer proletarischen Bewegung nicht umsonst aufs Spiel zu setzen und das Proletariat nicht in nutzlosen lokalen Revolten dezimieren zu lassen.
„Ist aber die Bewegung eine wahrhafte Volksbewegung, werden unsere Leute nicht verborgen bleiben, wird es nicht einmal nötig sein, ihnen ein Losungswort zuzurufen. Aber dann muss es sich von selbst verstehen und wir müssen es laut verkünden, dass wir nur als selbständige Partei teilnehmen, nur für den Augenblick mit den Republikanern und Radikalen verbündet, aber völlig verschieden von ihnen; dass wir uns im Falle des Sieges über sein Resultat nicht den geringsten Illusionen hingeben und dass dies Resultat, weit entfernt, uns zu befriedigen, für uns nur eine Etappe sein wird, eine neue Operationsbasis für fernere Eroberungen; dass am Tage des Sieges selbst unsere Wege sich wieder teilen werden und wir der neuen Regierung als neue Opposition gegenüberstehen werden, keine reaktionäre, sondern eine fortschrittliche, eine Opposition der äußersten Linken, entschlossen, neue Eroberungen über das errungene Terrain hinaus anzustreben.
„Nach dem gemeinsamen Siege könnte uns vielleicht ein Sitz in der neuen Regierung angeboten werden – aber stets in der Minorität. Hier liegt die größte Gefahr. [1] Nach dem Februar 1848 haben in Frankreich die sozialistischen Demokraten (der Réforme, Ledru-Rollin, Louis Blanc, Flocon usw.) den Fehler begangen, derartige Ämter anzunehmen. Als Minorität der Regierung teilten sie freiwillig die Verantwortung für alle die Infamien und Verrätereien, welche die Majorität der Republikaner an der Arbeiterklasse begingen, während ihre Anwesenheit in der Regierung die revolutionäre Aktion der Arbeiterklasse, die sie angeblich vertraten, vollständig lähmte.
„In alledem gebe ich bloß meine persönliche Meinung ab, weil Sie mich darum fragten und auch die nur mit großem Bedenken. Was die allgemeine Taktik betrifft, so habe ich deren Wirksamkeit während meines ganzen Lebens erprobt und sie hat in keinem einzigen Falle versagt. Aber ihre Anwendung auf die besonderen Verhältnisse Italiens ist eine andere Sache. Das muss an Ort und Stelle entschieden werden von jenen, die mitten in den Ereignissen stehen.“
Turati druckte diesen Brief des „erhabenen Greises“ (illustre vecchio) in der Critica Sociale vom 1. Februar 1894 mit einer Einleitung ab, in der er ihm begeistert zustimmt:
„Beim Lesen empfanden wir die Freude, in klarster Weise und mit der Präzision und Abgemessenheit des Genies, aber im Wesen nicht verschieden dieselben Gedanken ausgedrückt zu finden, die auch wir hegten.“
Will Turati sich heute etwa darauf berufen, dass die Erwartungen, die Engels und er damals hegten, nicht in der Weise in Erfüllung gingen, wie sie erwarteten? Aber worin unterscheidet sich die Wirklichkeit von ihren Erwartungen? Doch nur dadurch, dass der bürgerliche Radikalismus weit schwächer und unzuverlässiger ist, als sie annahmen; wenn also Turati damals schon Engels zustimmte bei dem Gedanken, auch einem radikalen oder republikanischen bürgerlichen Regime gegenüber müsse die Sozialdemokratie in der Opposition bleiben, dürfe sich nicht der großen Gefahr einer Anteilnahme an einer revolutionären Regierung aussetzen, in der sie eine Minderheit bildet, so hätte das noch weit mehr dem zweideutigen und haltlosen Liberalismus gegenüber zu gelten, der zurzeit von des Königs Gnaden in Italien regiert.
Wenn Turati heute nicht diese, sondern die entgegengesetzte Konsequenz zieht, so ist dies nur möglich, weil er inzwischen innerlich sich völlig gewandelt hat und in einen unvereinbaren Gegensatz zu seinem früheren Standpunkt geraten ist.
Der Standpunkt des Turati von 1894 und der des Turati von 1904 werden in Amsterdam aufeinanderstoßen und ihren scharfen Gegensatz bekunden.
Dieser Gegensatz ist keineswegs eine erfreuliche Tatsache. Nichts abgeschmackter als die Behauptung, unser geistiges Leben würde erstarren, wenn nicht unsere „Selbstkritik“ immer von neuem unsere Grundsätze und unsere Taktik in Frage stellte. Wir haben wahrlich genug geistige Kämpfe mit unseren Gegnern auszufechten, um gegen geistige Erstarrung geschützt zu sein. Andererseits aber sind Einigkeit, Einheitlichkeit, Begeisterung für unsere Ziele und Vertrauen in unserer Taktik so wichtige Elemente unseres Erfolges, dass alles, was eines davon in Frage stellt, eine erhebliche Schädigung unserer Bewegung bedeutet.
Das fühlt auch das kämpfende Proletariat instinktiv. Es verabscheut inneren Parteizwist und alle jene, die seine Einigkeit gefährden. Das darf jedoch nicht soweit führen, Einigkeit dort zu verlangen, wo keine Übereinstimmung besteht. Wir können einmal nicht immer alles so haben, wie wir es wünschen, und so wichtig Einigkeit und Einheitlichkeit der Partei für unser siegreiches Fortschreiten sind, so schafft dieses selbst zeitweise neue Situationen, über die nicht sofort völlige Klarheit und Einmütigkeit herrscht, so dass gerade aus dem Erfolg unserer Einigkeit immer wieder neue Ursachen von Uneinigkeit und Zwist hervorgehen.
Und dies ist auch in der jetzigen Situation der Fall. Unsere heutigen inneren Gegensätze sind im Grunde nur eine Folge der großen Fortschritte, die die Macht des Proletariats im letzten Jahrzehnt gemacht hat. In Frankreich ein sozialistischer Minister, in Italien einem Sozialisten ein Ministerium angeboten, in Australien ein ganzes Ministerium aus der Arbeiterpartei gebildet – mögen das auch lauter Fallen sein, die Arbeiterparteien zu kompromittieren und zu vorzeitigem Abwirtschaften zu bringen; immerhin, dass die herrschenden Klassen es für notwendig finden, uns in dieser Weise Fallen zu legen, ist bereits ein Zeichen der steigenden politischen Kraft des Proletariats. Wir sind in eine neue Phase unseres Kampfes getreten, vielleicht schon in die letzte, entscheidende Phase des Kampfes um die politische Macht. Damit erstehen uns aber auch neue, unerhörte Aufgaben, und diese wachsen fast noch rascher als unsere Kräfte. Wir stehen an der Schwelle großer Ereignisse; noch sind wir frei, noch können wir den Weg bestimmen, den wir einschlagen wollen; nur wenige Schritte auf ihm und ihre Konsequenzen treiben uns auf der einmal eingeschlagenen Bahn weiter, ob wir wollen oder nicht. Zwei Wege liegen vor uns, die in ihren Anfängen praktisch anscheinend nur wenig auseinandergehen, die aber schließlich zu ganz verschiedenen Richtungen führen. Nur einer kann der gerade Weg zum Ziele sein: schlagen wir den falschen ein, geraten wir in Wildnisse und vor Abgründe. Welcher der richtige, kann mit voller Bestimmtheit nur der Erfolg zeigen; wir werden ihn aber jetzt schon umso leichter erkennen, je größer unsere theoretische Einsicht und unser Wissen von den tatsächlichen Verhältnissen.
Die deutsche Sozialdemokratie hat ihre Entscheidung bereits getroffen durch die Resolution des Dresdener Parteitags. Hoffen wir, dass der internationale Kongress ihre Entscheidung bestätigt und bezeugt, dass die große Masse des kämpfenden Proletariats aller Ländern in gleicher Richtung zu marschieren gedenkt.
Kann auch ein Kongress vorhandene Grundsätze nicht einfach beseitigen, so kann er doch viel zur Einheitlichkeit und auch zum Ansehen und zur Kraft unserer Bewegung beitragen, wenn er erkennen lässt, dass die große Mehrheit einig ist und die von ihr Abstrebenden nur vereinzelt sind.
Die tiefste Grundlage der Kraft der Sozialdemokratie ist das Vertrauen des arbeitenden Volkes in sie. Und dies Vertrauen wird umso stärker und umso freudiger sein, je offenkundiger es sich zeigt, dass der Kern und die Masse der Partei einmütig dem gleichen Ziele mit gleichen Mitteln entgegenstrebt, und dass dies für die große Mehrheit aller Länder mit erheblicher sozialistischer Bewegung gilt.
Möge der internationale Kongress von Amsterdam in diesem Sinne wirken, und er wird unsere große Sache mächtig fördern.
1. Im Original selbst doppelt unterstrichen. Karl Kautsky
Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2026