Karl Kautsky

Englische Gewerkschaftsbeamte
und internationale Solidarität

(8. Juni 1905)


Karl Kautsky, Englische Gewerkschaftsbeamte und internationale Solidarität, Leipziger Volkszeitung, 12. Jg., Nr. 130, 4. Beilage, Donnerstag, 8. Juni 1905.
https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/LeipVo_394414608-19050608/LeipVo_394414608-19050608_tif/jpegs/00000015.tif.original.jpg.
Transkription: Daniel Gaido.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Auf dem Kölner Gewerkschaftskongress waren bekanntlich von verschiedenen Seiten Äußerungen gefallen, die nicht sehr erbaulich klangen. Man hat seinerzeit sich an pharisäischer Entrüstung über den „schlechten Ton“ in Dresden nicht genug tun können, und doch ist dort kein Wort gefallen, das nur annähernd an die Leistungen von Leimpeters heranreichen würde, z. B., um nur die markanteste hervorzuheben, über seine Vergleichung der Beschlüsse der internationalen Kongresse mit Chinesen und Botokuden.

Jetzt wird von gewerkschaftlicher Seite versucht, diese peinlichen Äußerungen zu entschuldigen. So darf man wohl die Ausführungen darüber auffassen, die thl. (Theodor Leipart?) in der Gewerkschaftlichen Rundschau der Schwäbischen Tagwacht vom 3. Juni 1905 macht.

Dies Bestreben ist sehr begreiflich und an sich könnte nicht das mindeste dagegen eingewendet werden; nur sollte die Entschuldigung nicht auf anderer Leute, das heißt, auf unsere Kosten gemacht werden. Die Leipziger Volkszeitung und die Neue Zeit, die schon so vieler Leute „schlechten Ton“ auf dem Gewissen haben, sollen auch an dem schlechten Ton der Leimpeters und Konsorten schuld tragen!

thl. schreibt:

Abwehr, in welcher die Redner sich befanden. Einzelne Äußerungen auf dem letzten Parteitag in Bremen waren durchaus geeignet, eine gereizte Stimmung hervorzurufen. Dasselbe gilt von der auf dem Kongress verteilten Nummer der Leipziger Volkszeitung mit dem Artikel Kautskys über den Generalstreik und die Maifeier, in welchem unter anderen auch von der „Faulheit, Borniertheit und Beschränktheit der englischen Gewerkschaftsbeamten“ die Rede ist. Gleichzeitig hatte Adolf Braun in dem ebenfalls verteilten Heft der Neuen Zeit die Meinung ausgesprochen, dass der Kongress den Anschauungen der Zentralvorstände stärkeren Ausdruck verleihen werde als denjenigen der Mitglieder, weil die als Delegierte anwesenden Gewerkschaftsbeamten von ihren Vorständen allzu sehr abhängig seien! Diese harten Worte mussten auf dem Kongress provozierend wirken.“

Also Adolf Braun und ich sind die Karnickel! Hätten wir nicht so provozierende, harte Worte geschrieben, wäre in Köln eine ganz andere Tonart zum Ausdruck gekommen!

Als ich das zu Gesicht bekam, las ich erstaunt nochmals den Braunschen Artikel durch, in dem ich bei der ersten Lesung nur die wärmste Sympathie für die Sache der Gewerkschaften und die freudigste Anerkennung „für die viele Kraft und Fähigkeit, die in unseren Gewerkschaften vorhanden ist“, gefunden hatte. Vergebens suchte ich mich eines Wortes zu entsinnen, das hart genug wäre, einen ganzen Kongress von Männern der schwieligen Arbeiterfaust, nicht von neurasthenischen Literaten, so sehr außer Rand und Band zu bringen, dass er „starke Worte“ gebraucht, die seinen Teilnehmern hinterdrein selbst leidtun – denn das besagt doch die Entschuldigung von thl.

Hören wir nun die „harten Worte“, die Freund Braun geschrieben hat:

„So ist es nicht verwunderlich, dass auf dem nächsten Gewerkschaftskongress die Zahl der Gewerkschaftsbeamten erheblich größer sein dürfte als jemals auf einem Parteikongress die der Parteiangestellten. Nun ist der Parteiangestellte fast stets in höherem Maße von der Parteileitung unabhängig und von der lokalen Parteimitgliedschaft, innerhalb der er wirkt, beeinflusst als der Gewerkschaftsbeamte, der mit seinem Zentralvorstand viel engere Beziehungen aufrecht hält als etwa ein Parteiredakteur mit seinem Landesvorstand oder dem Parteivorstand. So kann man vielleicht vermuten, dass der Gewerkschaftskongress manchmal den Anschauungen der Zentralvorstände stärkeren Ausdruck verleihen wird als den Anschauungen, Auffassungen und Stimmungen der Gewerkschaftsmitglieder, soweit diese nicht übereinstimmen. Freilich darf man sich nicht einbilden, dass die Zentralvorstände und die Delegierten sich unabhängig von den Stimmungen der von ihnen vertretenen Berufsgenossen fühlen, sie sind für ihre Abstimmungen ihren nächsten Gewerkschaftskongressen gegenüber haftbar, sie unterstehen ebenso wie die Parteitagsdelegierten der Kritik derer, die sie entsenden, auch dem Urteil ihrer eignen Gewerkschaftspresse, sie sind auch nicht gleichgültig gegen die Stellungnahme der politischen Parteipresse. All das sind Gründe, dass auch dort, wo vom gewerkschaftlichen Gesichtspunkt andre Schlüsse gezogen werden wie vom sozialdemokratischen, die Beschlüsse nicht so stark voneinander abweichen dürften, als man das hier und da zu befürchten hört.“ [1]

Wo ist da ein Wort zu finden, das eine verletzende Absicht andeutete, wo ist vor allem die Behauptung zu finden, von der thl. spricht, dass die „als Delegierten anwesenden Gewerkschaftsbeamten von ihren Vorständen allzu sehr abhängig seien“? Braun erklärt: Der Gewerkschaftsbeamte hält mit seinem Zentralvorstand viel engere Beziehungen aufrecht, als etwa ein Parteiredakteur mit seinem Landesvorstand oder dem Parteivorstand! Ist das nicht eine unleugbare Tatsache? Wo liegt da die Kränkung, wo das harte Wort? Dies hat thl. sich erst zurecht machen, er hat erst die Behauptung erfinden müssen, dass die Gewerkschaftsbeamten von ihren Vorständen allzu sehr abhängig seien, um einen Grund zu haben, die „starken Worte“ von Köln als Produkt einer Abwehr gekränkter Unschuld hinstellen zu können.

Meine Worte waren freilich viel derber als die Braunschen. Aber waren sie auf deutsche Gewerkschaftsbeamte gemünzt oder auf englische? Die deutschen konnten sich dadurch nur dann provoziert fühlen, wenn sie sich in allen Punkten mit den englischen solidarisch erklärten. Es war aber nur das Fazit von Verhandlungen deutscher Gewerkschafter, das ich mit meinen Worten gezogen hatte. Ich bemerkte in der Leipziger Volkszeitung:

„Gerade auf manchem der jüngsten Verbandskongresse deutscher Gewerkschaften trat die Erkenntnis drastisch hervor, dass die Faulheit, Anmaßung und Beschränktheit der englischen Gewerkschaftsbeamten sie zur Unterhaltung internationaler gewerkschaftlicher Beziehungen völlig untauglich mache.“ [2]

Was ich mit diesen Worten mitteilte, sind die Erfahrungen, die deutsche Gewerkschaftsbeamte mit englischen gemacht, sind die Klagen, die deutsche Gewerkschaftsbeamte über englische geäußert haben; Erfahrungen und Klagen, die so alt sind wie die Versuche deutscher Gewerkschafter zusammen mit den englischen zu einer internationalen Aktion zu gelangen und die die Hauptschuld daran tragen, wenn die gewerkschaftliche Internationalität bisher noch so geringe Früchte gezeitigt hat.

Es waren also nicht meine Erfahrungen, die ich hier mitteilte, sondern die Erfahrungen deutscher Gewerkschaftsbeamten. Ich hatte aber umso weniger Bedenken, sie in schroffer Weise vorzubringen, als sie vollständig dem entsprachen, was ich selbst in England über die englischen Gewerkschaftsbeamten erfahren und was Marx– heute freilich nur nur noch ein toter Literat– schon vor einem Menschenalter ausgesprochen hat. Auf dem Haager Kongress (1872) hatte er bekanntlich erklärt, es sei nur eine Ehre, wenn jemand in England kein anerkannter Arbeiterführer sei; denn jeder anerkannte Arbeiterführer stehe dort im Solde von Gladstone, Morley, Dilke und Konsorten, das heißt der Literaten (vgl. Jaeckh, Die Internationale, S. 191). Und 1874 schrieb er an Kugelmann:

„In England ist augenblicklich nur die ländliche Arbeiterbewegung von Fortschritt; die industriellen Arbeiter müssen sich vor allem ihre jetzigen Führer vom Leibe schaffen. Als ich die Kerle auf dem Haager Kongresse denunzierte, wusste ich, dass ich mir dadurch Unpopularität, Verleumdung usw. auf den Hals laden würde. Aber solche Konsequenzen waren mir von je gleichgültig. Hier und da fängt man an, einzusehen, dass ich mit meinen Denunziationen nur eine Pflicht erfüllt.“ [3]

Seitdem hat sich darin nichts geändert, als dass die Versumpfung der englischen Gewerkschaftswelt und ihrer Führer ununterbrochen fortgeschritten ist und diese „Denunziationen“, das heißt Anklagen gegen die englischen Gewerkschaftsbeamten mehr als je die Pflicht jedes entschiedenen Sozialdemokraten in und außerhalb Englands geworden sind.

Natürlich gibt es, wie überall, auch unter den englischen Gewerkschaftsbeamten Ausnahmen, aber gerade diese Ausnahmen leiden umso mehr unter der Regel und werden am freudigsten die Anklagen gegen den allgemeinen Typus unterstützen. Ich habe von meinen Worten nichts zurückzunehmen; bloß erläuternd möchte ich bemerken, dass ich unter der Faulheit der englischen Gewerkschaftsbeamten nicht Faulheit in ihrer engeren Berufstätigkeit gemeint habe; wie sie ihre Bureaustunden abhaspeln, weiß ich nicht; da mögen sie sehr fleißig sein. Aber faul sind sie jeder Tätigkeit gegenüber, für die sie nicht bezahlt werden, und die außerhalb ihrer Alltagsroutine liegt, träge und ablehnend jedem Gedanken gegenüber, der über das praktische Geschäft hinaus geht.

Schlimm genug, wenn sich deutsche Gewerkschaftsbeamte finden, die sich verpflichtet fühlen, ihre englischen Kollegen bloß deswegen zu verteidigen, weil sie Kollegen sind. Ich lasse mir aber dadurch nicht das Recht rauben, jeden Burschen zu brandmarken, der, im Dienst der Arbeiterschaft stehend, seine Vertrauensstellung dazu benutzt, sie zu verraten, zu entnerven, an ihre schlimmsten Gegner zu verkaufen. Wenn solche Feinde des kämpfenden Proletariats Gewerkschaftsbeamte sind, das heißt sich für ihre Tätigkeit von den Arbeitern selbst bezahlen lassen, so sollte sie das nicht immun machen, sondern nur unsere Pflicht vermehren, sie zu brandmarken und das Proletariat vor ihnen zu warnen.

Aber selbst, wenn meine Anklage völlig unberechtigt gewesen wäre, hätte sie die Gewerkschafter in Köln doch höchstens dazu veranlassen können, im Namen der internationalen Höflichkeit gegen mich zu protestieren. Die „Abwehr“ konnte sie unmöglich dazu berechtigen, die internationalen Kongresse und ihre Beschlüsse lächerlich zu machen und herunterzureißen. Aber damit will ich nicht sagen, dass nicht zwischen meinen Anklagen gegen die englischen Gewerkschaftsbeamten und dem Leimpetersschen Ausfall gegen die Chinesen und Botokuden ein innerer Zusammenhang besteht, nur ist er anderer Art, als thl. meint. Wenn Leimpeters die Mehrheit der außerdeutschen Proletarier mit Botokuden auf eine Stufe stellt, so erinnert das lebhaft an die Anmaßung und Beschränktheit dem Ausland gegenüber, die ich an den englischen Gewerkschaftsbeamten getadelt habe. Wenn man so über die internationale Solidarität denkt, dann liegt es nahe, dass man durch die Charakterisierung der englischen Gewerkschaftsbeamten sich selbst getroffen und daher provoziert fühlt.

Also umgekehrt wird ein Schuh daraus: nicht weil ich die englischen Gewerkschaftsbeamten anklagte, wurde Leimpeters in der „Abwehr“ dazu getrieben, jegliche internationale Solidarität zu verleugnen, sondern vielmehr, weil ihm diese verhasst ist, darum fühlt er sich mit den englischen Gewerkschaftsbeamten verwandt und durch deren Kritik verletzt und provoziert.

Ich nahm aber bisher an, der Fall Leimpeters sei eine ganz isolierte Erscheinung in der deutschen Gewerkschaftswelt. Sollte der Artikel von thl. in der Schwäbischen Tagwacht anzeigen, dass man sich in den Kreisen der Stuttgarter Gewerkschaftsbeamten mit Leimpeters und seinen englischen Gesinnungsgenossen solidarisch fühlt?

Ich nehme an, dass dem nicht so ist. Welchen Grund hat dann aber thl., sich für die Kölner „starken Worte“ und die englischen Gewerkschaftsbeamten so ins Zeug zu legen?

Karl Kautsky

*

Anmerkungen

1. Adolf Braun, Der Kölner Gewerkschaftskongress", Die neue Zeit, 23. Jg., 2. Bd. (10. Mai 1905), H. 33, S  204–211. (Zitat auf S. 206–207)]
http://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.05534&dok=1904-05b&f=190405b_0204&l=190405b_0211.

2. Karl Kautsky, Maifeier und Generalstreik, Leipziger Volkszeitung, 12. Jg., Nr. 115, 20. Mai 1905.
https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/LeipVo_394414608-19050520/LeipVo_394414608-19050520_tif/jpegs/00000017.tif.original.jpg.

3. Gustav Jaeckh, Die Internationale, Leipzig: Verlag der Leipziger Buchdruckerei Aktiengesellschaft, 1904.
https://archive.org/details/sc_0000960648_00000001704675.


Zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2026