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Karl Kautsky, Lassalle und Marx, Die Neue Zeit, 31. Jg., 2. Bd. (1913), H. 40, S. 476–490.
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Transkription: Daniel Gaido.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.
Die Aufgabe, Mehrings Beschuldigungen zurückzuweisen, könnte ich mir sehr leicht machen. Es genügte, zu zeigen, dass er gegen eine Behauptung polemisiert, die ich nie aufgestellt. Aber bei dieser Polemik rollt er eine große Anzahl Fragen auf, die der Klarlegung dringend bedürfen. Daher werde ich etwas ausführlicher werden müssen.
Den Vorwurf, den ich in meinen Ausführungen über Parteipolemik gegen den Artikel Ein Partei-Jubiläum erhob, fasst Mehring dahin auf, als hätte ich seine bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten über Lassalle verkleinern, als belletristischen Schwatz darstellen wollen.
Am allerwenigsten, meint er, könne er mir ein Recht zu solchem Vorwurf zugestehen, der ich noch nicht den kleinen Finger zu einer wissenschaftlichen Untersuchung über Lassalle gerührt habe.
Kein Zweifel, es wäre höchst unpassend von mir, wollte ich Mehrings Untersuchungen zur Parteigeschichte und speziell die über Lassalle als ein paar flüchtige Zeilen bezeichnen. Dies wäre aber nicht nur unpassend, sondern geradezu lächerlich, denn es ist allgemein bekannt, dass Mehring sich seit vierzig Jahren auf das gründlichste mit Lassalle beschäftigt und seine Vertrautheit mit dem Stoff in einer Reihe hervorragender Werke bewiesen hat. Andererseits will ich gern bekennen, dass ich selbst anderen Gebieten als der Lassalleforschung mehr Aufmerksamkeit geschenkt habe, Gebieten, auf denen Mehring wieder weniger zu Hause ist als ich.
Aber es handelte sich in meinen Ausführungen über Parteipolemik gar nicht um eine Kritik von Mehrings Leistungen auf dem Gebiet der Parteigeschichte, sondern um das 1½ Seiten umfassende Artikelchen Ein Partei-jubiläum, das Mehring bei uns veröffentlichte. [1]
Dieses Artikelchen erlaubte ich mir allerdings als „ein paar flüchtige Zeilen“ zu bezeichnen, und das wird durch Hinweise auf Mehrings Parteigeschichte und den vierten Band der Nachlaßausgabe nicht widerlegt. Auch nicht dadurch, dass eine Reihe von Parteiblättern den Artikel nachdruckte. Die tägliche Parteipresse hat dem Problem Lassalle und Marx gegenüber andere Aufgaben als das wissenschaftliche Zentralorgan. Von ihr hat man nicht eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung darüber zu verlangen. Wohl aber darf meines Erachtens Die Neue Zeit, wenn sie einmal an das Problem herangeht, dies nur in der Form einer tiefer grabenden Untersuchung tun. Das Mehringsche Artikelchen entsprach im Rahmen der Neuen Zeit nicht der Bedeutung des Problems, das es behandelt.
Doch wäre das an sich nicht so wichtig gewesen, dass ich darüber ein Wort verloren hätte. Wenn ich einige Bemerkungen über den Artikel machte, geschah es aus Gründen, die keinem der Redakteure, die ihn abdruckten, bekannt sein konnten.
Mehring schrieb in dem Artikel:
Es ist wahr, dass Marx und Engels das Offene Antwortschreiben und die anderen Flugschriften, die die deutsche Arbeiterklasse so mächtig aufrüttelten, mit verächtlicher Handbewegung beiseitegeschoben haben als Sextanerpensa, mit deren bloßer Lesung sie nicht einmal ihre Zeit verderben mochten.
Mehring erhebt also nicht bloß den Vorwurf, dass Marx und Engels Lassalle gegenüber irrten – darüber mag man ja streiten –, sondern auch den, dass sie Lassalles Agitation ablehnten, ohne seine Schriften auch nur anzusehen, „mit deren bloßer Lesung sie nicht einmal ihre Zeit verderben mochten“.
Das führt Mehring ohne weitere Begründung einfach als feststehende Tatsache an, und angesichts seiner Autorität als Historiker der Partei und als Biograph Lassalles wie Marxens insbesondere musste jeder Leser geneigt sein, den Satz ohne weiteres als solche Tatsache zu betrachten.
Hier liegt das Unrecht, das Mehring beging und das mich zwang, gegen ihn aufzutreten.
Nirgends, in keiner bisher veröffentlichten Äußerung von Marx finden wir das Wort von den „Sextanerpensa“. Es wurde geschrieben in einem vertraulichen Briefe, den Marx an Engels richtete. Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels ist noch nicht erschienen. Mehring erhielt Einsicht in ihn durch das Vertrauen, das Marxens Tochter, die Genossin Lafargue, in ihn setzte, die ihn bat, als ihr Vertrauensmann bei der eventuellen Herausgabe des Briefwechsels zu fungieren.
Diese Einsicht in den Briefwechsel benutzt Mehring, ein Wort daraus zu veröffentlichen, ohne den Leser auch nur ahnen zu lassen, dass hier ein Zitat aus einem noch unbekannten Schriftstück vorliege. Beauftragt, die Marxschen Interessen zu wahren, hat er die Kenntnisse, die ihm aus seinem Auftrag erwuchsen, dazu angewandt, schwere Beschuldigungen gegen Marx zu erheben. Sicher darf ihn dieser Auftrag nicht hindern, sobald der Briefwechsel erschienen ist, ihn zu kommentieren und, wo es ihm geboten scheint, gegen Marx zu benutzen. Man sollte aber meinen, solange der Briefwechsel nicht vorliegt, das Publikum nicht die Möglichkeit hat, einzelne daraus veröffentlichte Stücke daraufhin zu prüfen, wie sie aufzufassen und zu erklären sind, sei es die einfachste Pflicht des Anstandes, nicht ein einzelnes Sätzchen aus dem Zusammenhang zu reißen und zu veröffentlichen.
Es liegt jedoch hier noch mehr vor, und das ist es, was mir die Feder in die Hand drückte. Mehring hat auch noch dem Marxschen Wort einen Sinn untergeschoben, den es gar nicht hat. Wenn Mehring sagt, „es ist wahr, dass Marx und Engels das Offene Antwortschreiben und die anderen Flugschriften Lassalles als Sextanerpensa verächtlich beiseiteschoben, mit deren bloßer Lesung sie nicht einmal ihre Zeit verderben mochten“, so erwidere ich: Es ist nicht wahr.
Am 9. April 1863 schreibt Marx an Engels ausführlich über das Offene Antwortschreiben. Am 12. Juni 1863 behandelt Marx wieder ausführlich in einem Brief an Engels Lassalles Schrift über die indirekten Steuern.
Man sieht, Marx und Engels verfolgten mit Aufmerksamkeit die Lassalleschen Schriften.
Erst in einem Briefe vom 6. Juli findet sich ein Wort, das an die Sextanerpensa erinnert, aber nicht in Bezug auf Lassalles Schriften überhaupt, sondern in Bezug auf eine einzelne dieser Schriften. Marx sagt in dem Briefe:
„Lassalle hat mir eine neue Broschüre geschickt, seine Rede in Frankfurt a. M. Da ich jetzt zehn Stunden des Tages ex officio Ökonomie treibe, ist nicht zu verlangen, dass ich meine Nebenstunden mit dem Lesen dieser Schülerpensa töten soll. Also einstweilen ad acta gelegt.“
Das ist offenbar die Stelle, auf die sich Mehring bezog. Sie rechtfertigt dessen Auslegung in keiner Weise. Vorher hat Marx schon zwei Lassalleschriften gelesen, später schreibt er in seinen Briefen auch über Lassalles Bastiat-Schulze. Nur von der Frankfurter Rede bemerkt er, dass ihm augenblicklich die Zeit fehle, sie zu lesen. Er sagt auch da nicht, er wolle sie überhaupt nicht lesen, sondern er verschiebt bloß die Lektüre etwas, weil er bis zur Erschöpfung an dem gewaltigen Werk arbeitet, das er für die Arbeiterklasse der gesamten Welt bestimmte, dass sie nicht bloß aufrütteln, sondern ihre theoretische Überlegenheit herstellen sollte, dass bis heute ihre gewaltigste Waffe bildet. Dieses sein Lebenswerk zu Ende zu führen, war gerade damals, als Lassalle auftrat, sein heißestes Streben. Die rasche Fertigstellung des Kapital war für die Bewegung selbst von größter Wichtigkeit. Elend und Not hatten Marx’ Kräfte untergraben, trotzdem arbeitete er auf das intensivste, so sehr, dass die Folge schweres Siechtum war, das viel zu seinem vorzeitigen Tod beitrug.
In dieser Situation war es, dass er sagte, er wolle sich nicht stören lassen durch die Schrift eines Schülers, deren theoretische Bedeutung – das wollen wir doch nicht leugnen – tief unter der seines eigenen Werkes stand. Er verschob ihre Lektüre auf einen Zeitpunkt größerer Musse.
Von alledem erwähnt Mehring nichts. Aus dem Zitat, auf das er sich offenbar bezog, ließ er alles weg, was zugunsten Marx’ sprach; er riß ein Wörtchen aus dem Zusammenhang und gab ihm kommentierend einen Sinn, den das Original nicht hatte. Aus der Erklärung, warum Marx eine einzelne Schrift im Drange der Arbeit nicht sofort lesen konnte, sondern die Lektüre für später aufsparen musste, machte Mehring eine verächtliche Ablehnung, jemals irgend eine Agitationsschrift Lassalles anzusehen.
Von alledem konnten die Redaktionen, die den Artikel über Ein Parteijubiläum abdruckten, unmöglich etwas ahnen. Mehring darf sich also auch nicht auf ihre Zustimmung berufen. Ich aber wusste, was hinter den „Sextanerpensa“ steckte! Durfte ich schweigen, durfte ich die Mehringsche Entstellung des Marxschen Wortes sanktionieren? Ich warnte die Genossen durch eine Andeutung, dem Worte von den Sextanerpensa Gewicht beizulegen. Mehring musste wissen, wie diese Andeutung zu verstehen sei. Er hat sie nicht verstehen wollen und dahin ausgelegt, als hätte ich seine bisherigen Leistungen in der Parteigeschichte herabzusetzen gesucht. Dadurch hat er sich seine Antwort freilich sehr erleichtert, mich nun aber auch gezwungen, klar und deutlich zu sagen, was es mit den „Sextanerpensa“ in Wirklichkeit für eine Bewandtnis hat.
Und da brauche ich auch nicht mehr hinter dem Berge zu halten mit einer überraschenden Erkenntnis, die mir die Benutzung jenes Wortes durch Mehring gebracht hat: Wenn jemand es so eilig hat, eine noch nicht bekannte Äußerung gegen Marx auszuschlachten, dass er nicht die Veröffentlichung des Zusammenhanges, in dem sie steht, abzuwarten vermag und sie vorher, ohne jede Veranlassung, unter Verletzung aller Gebote des Taktes und Anstandes in die Öffentlichkeit schleudert, und noch dazu in einer so irreführenden und Marx schädigenden Weise, so ist das nur zu erklären durch eine Feindseligkeit gegen Marx, über die man sich durch einige „einerseits – andererseits“ – Redensarten nicht täuschen lassen darf.
Diese Feindseligkeit, die eine neue Wendung Mehrings zu
inaugurieren verspricht, ist vielleicht das Bemerkenswerteste in dem
kleinen, unscheinbaren Sätzchen über Sextanerpensa.
Um meine Kritik seines jüngsten Artikels zurückzuweisen, greift Mehring zu einem sonderbaren Mittel: er wirft mir Sünden gegen die Partei vor, die ich vor mehr als zwei Jahrzehnten begangen haben soll, 1890. Man sollte meinen, Mehring sei der letzte, der Ursache hätte, zu Argumenten dieser Art zu greifen.
Dagegen habe ich keine Ursache, sie zu fürchten. In meiner Vergangenheit liegt nichts, dessen ich mich zu schämen hätte.
Die Sünde, die mir vorgeworfen wird, ist die Veröffentlichung der Kritik, die Marx in einem Briefe am Entwurf des Gothaer Programmes 1875 übte. Dadurch hätte ich die Partei „verwirrt und geschädigt“.
In Wirklichkeit war es Friedrich Engels, der jenen Brief veröffentlichte. Und der begründete in seiner Einleitung schlagend die Notwendigkeit der Veröffentlichung:
Da der Haller Parteitag die Diskussion des
Der Erfolg übertraf noch Engels Erwartungen. Die Wirkungen des Marxschen Briefes gingen weit über die augenblickliche Programmdiskussion hinaus. Er hat das sozialistische Denken und Erkennen der ganzen Internationale in höchstem Grad befruchtet.
So erklärte auch Mehring selbst in seiner Parteigeschichte (2. Aufl., 4. Bd., S. 87), diese Zuschrift sei „heute noch überaus lesenswert wegen ihrer prinzipiell positiven Gesichtspunkte.“
Wollte er eine „parteischädigende und parteiverwirrende“ Publikation als überaus lesenswert empfehlen?
Man sieht, ich könnte es ruhig ertragen, wenn es wahr wäre, dass die „Schuld“ an dieser Veröffentlichung „ausschließlich“ auf mich fällt.
Ebensowenig aber wie dies ist es wahr, dass das „Verhältnis zwischen Lassalle und Marx“ erst durch jenen Brief öffentlich bekannt wurde. Niemand weiß besser als Mehring, dass dem deutschen Publikum schon in den siebziger Jahren Mitteilungen über die Differenzen zwischen Marx und Lassalle gemacht worden waren. Neu und ich gebe gerne zu befremdend und peinlich für die Genossen war nur die schroffe Art des Ausdruckes bei Marx. Dies erklärt sich zum Teil dadurch, dass Marx den Brief in großer Erregung schrieb. Darauf hat schon Engels selbst hingewiesen in seiner bereits erwähnten Einleitung:
Die stellenweise heftige Sprache des Manuskriptes war provoziert durch zwei Umstände. Erstens waren Marx und ich mit der deutschen Bewegung inniger verwachsen als mit irgendeiner anderen; der in diesem Programmentwurf bekundete entschiedene Rückschritt musste uns also besonders heftig erregen. Zweitens aber lagen wir damals, kaum zwei Jahre nach dem Haager Kongress der Internationale, im heftigsten Kampf mit Bakunin und seinen Anarchisten, die uns für alles verantwortlich machten, was in Deutschland in der Arbeiterbewegung geschah.
Es wirkt wohl nicht leicht etwas so erbitternd, wie Handlungen und Äußerungen eines Freundes, die man selbst verurteilt, aus Gründen der Solidarität aber nicht öffentlich desavouieren will, und für die man verantwortlich gemacht wird. Dass man in solcher Situation jenem Freunde gegenüber das erzwungene Schweigen vor der Öffentlichkeit durch eine umso erregtere Sprache unter vier Augen wettmacht, ist leicht begreiflich. Am wenigsten dürfen sich darüber Leute beschweren, die es lieben, eine gleich heftige Sprache vor der Öffentlichkeit zu führen, ohne dass vorher ein durch Gründe der Solidarität erzwungenes Schweigen sie erregt hätte. Man nehme dazu das vulkanische Temperament eines Marx, das damals seinen einzigen Ausweg in vertrauten Briefen suchte und dort oft in gewaltsamster Weise fand, dann wird man auch die harten Ausdrücke über Lassalle und die Lassalleaner begreifen, die auf uns freilich nicht bloß hart, sondern verletzend wirken, weil wir eben zu Lassalle in einem anderen Verhältnis stehen als Marx. Wir können sehr wohl dessen Äußerungen über Lassalle begreifen, aber wir täten unrecht, wollten wir sie alle akzeptieren. Das sage ich nicht etwa erst jetzt, unter dem Einfluss Mehringscher Kritik, das führte ich sofort nach der Veröffentlichung des Marxschen Briefes in der Neuen Zeit aus. Ich zeigte dort, dass wir, die Schüler Lassalles, denen er so viel gebracht, in einem ganz anderen Verhältnis zu ihm stünden als Marx, der gebende Meister. Dieser mochte unmutig erwägen, was Lassalle ihm schuldig geblieben. Für uns kommt vor allem in Betracht, was Lassalle uns geschenkt. Ich sagte:
Der Standpunkt, den Marx Lassalle gegenüber einnahm, ist nicht der Standpunkt der deutschen Sozialdemokratie. Lassalle hat sich selbst als Schüler von Marx bekannt. Als sein Meister durfte Marx so über Lassalle schreiben, wie er geschrieben, und es darf heute auch publiziert werden, soweit durch die Darlegung der prinzipiellen Differenzen zwischen den beiden die Klarheit und das selbständige Denken in der Partei gefördert wird. Die Sozialdemokratie treibt keinen Heroenkultus. Aber sie ist auch nicht undankbar, sie steht zu Lassalle in einem anderen Verhältnis als Marx, und sie wird nie über der Kritik Lassalles vergessen, was sie ihm schuldet.
Dankbar werden wir uns stets erinnern, dass er die ganze Wucht seiner glänzenden Persönlichkeit für das Proletariat in die Waagschale warf zu einer Zeit, wo die Zahl derjenigen, die für die Enterbten eintraten, noch winzig war, wo die Arbeiterbewegung noch aussichtslos erschien. Wie könnten wir den Mann vergessen, aus dessen Schriften wir älteren Parteigenossen alle und auch die große Mehrzahl der jüngeren ihr erstes sozialistisches Wissen, ihre erste Begeisterung für den Sozialismus gesogen haben.
Wir studieren und prüfen aufmerksam, was Marx über seinen Schüler Lassalle sagt; vergessen aber nicht, dass auch dieser einer unserer ersten Meister und Vorkämpfer gewesen.
Und es ist nicht bloß dankbare Erinnerung, die uns mit Lassalle verbindet. Wenn auch vieles in seinen Schriften veraltet ist, wenn auch manches von vornherein Irrtum gewesen; gerade dem theoretischen Liberalismus gegenüber gilt heute noch das meiste von dem, was Lassalle gesagt und geschrieben. (Neue Zeit, IX, 1, S. 680.) [2]
Dieser Passus zeigt deutlich genug, wie völlig unbegründet Mehrings Beschuldigung ist, es hätte eine Zeit gegeben, in der ich Lassalle anpöbelte, eine Beschuldigung, die noch mit dem Zusatz gewürzt wird, ich hätte die Courage dazu aus dem Glauben geschöpft, Lassalle sei überwunden:
Solange die Sonne Marx einsam am Himmel strahlte, entsprach es „dem größten wissenschaftlichen Ernst und dem heißesten Interesse an der Sache“, dem scheinbar überwundenen Lassalle die klobigsten Beschuldigungen in die Nebel der Legende nachzuschleudern .... Seitdem sich aber die Nebel von der Gestalt Lassalles heben und sich als Wolken um die Sonne Marx zu ballen drohen, seitdem wandelt sich der Gesang der Priester aus des Basses Grundgewalt in die schmelzenden Akkorde:
|
Wo still ein Herz in Liebe glüht – |
Es kann sicher keine größere Charakterlosigkeit geben als die, jemand die klobigsten Beschuldigungen dann nachzuschleudern, wenn man wähnt, er liege am Boden. Aber wenn Mehring mir solche Charakterlosigkeit ohne den geringsten Beweis vorwirft, brauche ich mich darüber nicht allzu sehr aufzuregen. Meine Vergangenheit enthebt mich der Notwendigkeit, mich gegen Mehrings Vorwurf zu verteidigen, ich bewundere nur auch hier wieder seine Kühnheit, Vorwürfe wegen derartiger Sünden der Vergangenheit gegen andere zu erheben.
Ich habe soeben gezeigt, dass ich vor einem Vierteljahrhundert über Lassalle genau so dachte wie heute. Nicht das ist an dem eben zitierten Mehringschen Passus bemerkenswert, was er gegen mich, sondern das, was er gegen Marx sagt. Wir hören hier aus dem Jubel über die Wolken, die sich um die „Sonne Marx“ ballen, dieselbe Feindseligkeit gegen Marx heraus, die schon bei der Behandlung der „Sextanerpensa“ zutage trat. Dieses Triumphlied über die kommende Verdunkelung des „Götzen Marx“, sein Hohn über den „reinen Kristall der Marzgläubigkeit“, seine frühere Bemerkung über „Marxpfaffen“ kennzeichnen Mehrings jüngste Phase. Er gebraucht heute gegen mich dieselben Redensarten, die früher gegen uns beide von den Gegnern des Marxismus gebraucht wurden.
Und wieviel schroffer urteilt heute Mehring über Marx als ehedem. Heute schreibt er von den Äußerungen des Marxschen Briefes über Lassalle:
Ein Mensch, und sei es der höchststehende, darf niemals gegen andere Menschen, und nun gar gegen Kampfgenossen sich in Beschuldigungen ergehen, die ebenso ehrenrührig wie unrichtig sind.
Im Jahre 1894, unter dem frischen Eindruck des Marxschen Programmbriefs, nannte er dagegen diese „ehrenrührigen“ und „unrichtigen“, ganz unverzeihlichen Beschuldigungen zwar „harte Äußerungen“, aber Äußerungen „gelegentlichen Unmuts, eines sehr begreiflichen und subjektiv auch berechtigten Unmuts“. (in einem Artikel über Lassalle, Neue Zeit, XII, 2, S. 675) [3]
Wie ganz anders klingt das Urteil von 1894 als das von 1913! Das Marxbarometer sinkt bei Mehring rapid, wir müssen uns auf einen neuen Witterungswechsel bei ihm gefasst machen.
Damit aber der Tragödie das Satyrspiel nicht fehle, zerrt Mehring ohne allen Grund zwei Artikel des Vorwärts in die Diskussion über Marx und Lassalle hinein, eine Besprechung des Buches der Genossin Luxemburg und einen Artikel über das Jahr 1813, und widmet ihnen ein ganzes Fünftel seiner „Erwiderung“. Der Himmel weiß, was die mit dem Thema zu tun haben! Und dabei erhebt er hier völlig unrichtige Beschuldigungen gegen die „Kampfgenossen“ vom Vorwärts in dem gleichen Atem, mit dem er eben den Bannfluch über Marx ausgesprochen, weil auch der höchstgestellte Sterbliche nie, nie, nie eine unrichtige Beschuldigung gegen einen anderen, am allerwenigsten gegen einen Kampfgenossen aussprechen darf, was denn auch Mehring nie, nie, nie getan.
Es kann nicht meine Aufgabe sein, diesen ohnehin schon langen
Artikel noch durch Widerlegung der falschen Behauptungen über
den Vorwärts zu verlängern. Hier sei nur darauf
hingewiesen, dass ihre völlig unmotivierte Hineinzerrung in eine
Diskussion über Lassalle und Marx bezeugt, wie sehr in Mehrings
Stellungnahme zu Gegensätzen, die vor einem halben Jahrhundert
die Partei bewegten, Gegensätze hineinspielen, in denen er heute
zu „führenden Organen“ der Partei steht. Gerade
nicht die beste Vorbedingung für objektive Geschichtsschreibung.
Als Beweis dafür, dass Marx sich in „unrichtigen“ und „ehrenrührigen“ Beschuldigungen gegen Lassalle erging, kann sich Mehring nicht auf Veröffentlichungen berufen, die Marx selbst veranlasste. Er führte den erst 1890 veröffentlichten Brief an, den Marx März 1875 an Bracke, Auer, Geib, Liebknecht und Bebel richtete, um auf eine Verbesserung des damals diskutierten Programmentwurfes hinzuarbeiten.
In diesem Entwurf hatte der Satz gestanden: „Die Arbeiterklasse gegenüber bilden alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse.“ Gegen ihn wendete sich in seinem Briefe Marx mit dem Bemerken, er sei „Lassallesches Zitat von reinstem Wasser“.
Nachdem er die Unrichtigkeit des Satzes dargetan, fuhr Marx fort:
Lassalle wusste das Kommunistische Manifest auswendig, wie seine Gläubigen die von ihm verfassten Heilsschriften. Wenn er es also so grob verfälscht, geschah es nur, um seine Allianz mit den absolutistischen und feudalen Gegnern wider die Bourgeoisie zu beschönigen.
Was findet Mehring an diesen Worten auszusetzen? Dass sie hart waren, uns peinlich berühren? Hätte er nicht mehr gesagt, dann wäre die ganze Auseinandersetzung überflüssig. Aber er findet sie auch „unrichtig“ und „ehrenrührig“, und da lohnt es sich doch, die Verhältnisse zu betrachten, aus denen sie entsprangen.
Mehring beruft sich auf seinen Artikel über Die Geschichte eines Schlagwortes, in dem er nachwies, dass das Wort von der einen reaktionären Masse nicht in dieser Form von Lassalle geprägt wurde. Das ist richtig.
Indes gar so groß war der Marxsche Irrtum nicht. Mehring schrieb damals darüber:
Wer das Wort, sei es auch nur dem Sinne nach, in Lassalles Briefen und Schriften suchen wollte, würde sich eine ganz vergebliche Mühe machen. ... Trotz alledem hat es in gewissem Sinne seine Richtigkeit mit der angeblichen Urheberschaft Lassalles an jenem Schlagwort, und der Irrtum von Marx ist sehr erklärlich, wenn man erwägt, dass in den siebziger Jahren die spezifischen Lassalleaner selbst, wenn sie die „eine reaktionäre Masse“ ausspielten, sich stets auf Lassalle berufen hatten.
Mehring teilt dann mit, dass der damalige Sozialdemokrat bei der ersten Wiederkehr von Lassalles Todestag das Konzept einer Rede veröffentlichte, die Lassalle vor den Berliner Arbeitern gehalten hatte, und zitiert einen längeren Passus daraus, der mit den Worten endet:
Ihren, der Reaktionäre und der Fortschrittler gemeinsamen Feind, der bereits vor den Toren stehe, den sie also gemeinsam abwehren müssten, nennt mich Graf Wartensleben. Vor mir also verschwinden die Unterschiede und Gegensätze, welche sonst die reaktionäre Partei und die Fortschrittspartei trennen. Vor mir also sinken sie, trotz dieser Unterschiede, zu einer gemeinsamen reaktionären Partei zusammen.
Man sieht, der Irrtum, den Marx in Bezug auf das Lassallesche Zitat beging, war sehr unerheblich. Von einer Ungerechtigkeit kann dabei keine Rede sein.
Aber lag diese Ungerechtigkeit nicht in der folgenden Behauptung, Lassalle habe in bewusstem Gegensatz zum Kommunistischen Manifest die Liberalen mit den Reaktionären deshalb in einen Topf geworfen, um seine „Allianz mit den absolutistischen und feudalen Gegnern wider die Bourgeoisie zu beschönigen“? Wie steht es damit?
Lassalle hatte sich im Beginn seiner Agitation gegen die Fortschrittler gewendet, weil sie den Kampf gegen die Regierung nicht energisch genug führten. Aber je heißer der Kampf zwischen ihm und der bürgerlichen Opposition entbrannte, je länger dabei die „positiven“ Erfolge, die er brauchte, ausblieben, desto mehr fühlte er sich gedrängt, nach neuen Faktoren auszublicken, die ihm zu raschen praktischen Erfolgen verhelfen könnten. Und so wurde aus einer Bewegung, die den Kampf gegen die Regierung noch energischer als die bürgerliche Opposition führen wollte, unvermerkt eine Bewegung, die sich weit energischer gegen die bürgerliche Opposition als gegen die Regierung wendete, ja an dieser eine Reihe guter Seiten entdeckte. Im Herbst 1863 begann Lassalles „taktische Wendung“.
Er trat mit Bismarck in Verbindung. Ihre Besprechungen führten wohl zu keinen Abmachungen. Aber die Agitation Lassalles bestrebte sich immer mehr, auf die Regierung Eindruck zu machen in dem Sinne, dass sie ihr zeigte, er sei eine Macht, mit der zu verhandeln und deren Unterstützung durch Konzessionen zu gewinnen sich lohne, und andererseits den Arbeitern Zutrauen zum Entgegenkommen der Regierung einzuflößen.
Mehring selbst wendet sich in seiner Parteigeschichte kritisch gegen Lassalles Appell an die „Allergebildetsten und Allerintelligentesten“, die in ihrem Hader mit der Bourgeoisie die Berufung auf das Volk als einen „Ausweg von der höchsten historischen Weihe“ erkennen würden, oder Lassalles Appell an das Königtum, das noch „aus seinem ursprünglichen Teig geknetet“ dastehe, auf den Knauf des Schwertes gestützt, und Mehring kommt zum Schlusse:
In seinen Verhandlungen mit Bismarck betrat Lassalle einen falschen Weg, auf den ihn ein Übermaß persönlichen Selbstvertrauens und eine ideologische Unterschätzung des Gewichtes verlockte, das moderne Klassenkämpfe in sich selbst tragen. Gewiss wusste Lassalle gegenüber der Reaktion vollkommen freie Hand zu behalten, und immer durfte er sich sagen, dass er mit ihr spiele und sie nicht mit ihm. Aber der Versuch, mit List in eine Festung zu drängen, die mit Gewalt noch nicht zu erobern war, hat ihn doch zu manchem missverständlichen Worte verleitet. [4] (2. Aufl., III, S. 124–125).
Weiter schreibt Mehring:
Lassalle ließ sich leider dazu hinreißen, an die revolutionäre Gesinnung der rheinischen Arbeiter eine sehr unbillige Zumutung zu stellen. Zwei Solinger Schleifer namens Moll und ein Elberfelder Arbeiter namens Loz wurden im Frühjahr zu viermonatiger Gefängnisstrafe verurteilt, weil angeblich sie die Messerstiche ausgeteilt haben sollten, durch die einige fortschrittliche Spektakelmacher bei Lassalles Heerschaurede in Solingen verwundet worden waren. Lassalle schlug nun vor, die Verurteilten sollten ein durch eine große Arbeiteradresse unterstütztes Gnadengesuch an den König richten. Indessen die wackeren Männer weigerten sich entschieden. Sie meinten, selbst wenn sie vier Jahre sitzen sollten, würde es doch ihren Gesinnungen widerstreiten, dem König verpflichtet zu werden, und ihre Kameraden stimmten ihnen bei. Lassalle musste sich mit einem rückhaltlosen Nein bescheiden, und er nahm es wenigstens mit dem ehrlichen Bekenntnis hin, dass es ihn mit Stolz erfüllen müsse, an der Spitze solcher Männer zu stehen. Kuriert war er freilich noch immer nicht ganz und holte sich einen zweiten Korb mit dem Vorschlag, eine Beschwerdeadresse ohne Gnadengesuch ins Werk zu setzen. [5] (a. a. O., S. 150)
Und nun gar die Ronsdorfer Rede! Mehring fasst sie in seiner Parteigeschichte günstiger auf, als nach meiner Meinung durch die Tatsachen begründet ist. Wenn Lassalle ein paar nichtssagende Redensarten des Königs den Arbeitern als feierliche Versprechungen vorführte und „den König zum Schwurzeugen für die sozialdemokratischen Grundsätze machte“, so betrachtet das Mehring „als Hohn, womit Lassalle dem Königtum begegnete“, und über den sich höchstens „dieser oder jener zurückgebliebene Arbeiter täuschen konnte“, nicht aber die Masse der Arbeiter. Als Beweis für den Hohn dient Mehring aber nur die Mitteilung von Augenzeugen, Lassalle habe das Blatt, auf dem die königliche Antwort verzeichnet war, „höchst unzeremoniös behandelt“.
Wenn Lassalle wirklich diesen Eindruck hervorrufen wollte, dann musste er jene „unzeremoniöse Behandlung“ auch in der gedruckten Rede irgendwie andeuten. Sie sollte doch nicht bloß auf die Zuhörer Eindruck machen. Und gerade die gedruckte Ausgabe dieser Rede ist reich an Zwischenbemerkungen über das Verhalten Lassalles und seiner Zuhörer. Nirgends aber auch nur eine Andeutung davon, dass sein Hinweis auf den König höhnisch gemeint sei. Im Gegenteil, alles zeugt von dem eifrigsten Bestreben Lassalles, dass seine Hörer die königliche Demagogie höchst ernsthaft nahmen.
Lassalle begann die Auseinandersetzung darüber mit den Worten:
Durch diese große geistige Gesamtbewegung, die wir so in der Nation hervorgebracht haben, ist es gekommen, dass die Resultate unserer Agitation und die Überzeugung von der Wahrheit unserer Lehren und der Zeitgemäßheit unserer Forderungen bereits in die allermaßgebendsten und höchstgestellten Kreise gedrungen sind und daselbst bereits die allerwichtigsten Wirkungen zutage gefördert haben. Hierfür will ich euch jetzt einen offiziellen Beweis von einem ganz unvergleichlichen Gewicht vorlegen, für den ich eure ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehme.
Lassalle berichtet dann über die Audienz, die eine Weberdeputation beim König gehabt, über das Versprechen, das dieser ihr gegeben, ihre Not durch gesetzliche Maßregeln zu lindern, und zog daraus die weitestgehenden Schlüsse:
Der König hat, die Wahrheit unserer Lehren und die Gerechtigkeit unserer Forderungen anerkennend, eine Regelung der Arbeiterfrage und Abhilfe der Arbeiternot versprochen, wie wir dies in unseren Schriften begehrt haben.
Aber, fügte er hinzu, eine Fortschrittskammer würde die dazu nötigen Gelder nie bewilligen. Das Versprechen des Königs berge also auch in sich das Versprechen, das Dreiklassenwahlrecht durch das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zu ersetzen.
Hierzu bemerkt der von Lassalle selbst herausgegebene Bericht:
Die Versammlung, welche diesem ganzen letzten Teil der Rede in einer unglaublichen Spannung, so dass man fast jeden Atemzug vernehmen konnte, zugehört hatte, bricht hier in einen nicht zu beschreibenden Jubel aus. Mehreremal werden die Versuche des Redners, wieder das Wort zu ergreifen, durch immer wieder von neuem ausbrechende Beifallsbezeugungen vereitelt, und er musste der Versammlung einige Minuten Zeit gönnen, um ihre Aufregung zu bemeistern.
Im Bericht über die Rede selbst heißt es dann weiter:
Welcher Verein, frage ich, kann, seitdem die Welt besteht, solche Erfolge als Resultate eines Jahres aufweisen?
Die Arbeiter, das Volk, die Gelehrten, die Bischöfe, den König haben wir gezwungen, Zeugnis abzulegen für die Wahrheit unserer Grundsätze!
Diese Worte reden wohl deutlicher als eine einzelne Geste, die irgendein Zuschauer bemerkt haben wollte. War Lassalles Berufung auf den König höhnisch gemeint, dann tat er es in einer Weise, die nicht bloß „diesen oder jenen zurückgebliebenen Arbeiter“ täuschte, sondern bisher so ziemlich jeden Leser der Ronsdorfer Rede.
Wie wenig es ihm darum zu tun war, den König zu höhnen, beweist schon der Umstand, dass er ihn in gleichem Atem nennt mit den „Gelehrten und Bischöfen“, die er auch gezwungen habe, „Zeugnis abzulegen für die Wahrheit unserer Grundsätze“. Dass die Berufung auf den Bischof nicht höhnisch, sondern sehr ernst gemeint war, gibt Mehring selbst zu, und auch ihm geht sie über die Hutschnur. Er sagt darüber:
Mit gutem Fug ist Lassalle von jeher zum Vorwurf gemacht worden, dass er den Bischof von Mainz zum Paradegaul gegen die fortschrittlichen Manchesterleute aufzäumte, den „Fürsten der Kirche“, der „am Rhein fast für einen Heiligen gelte“, der sich „seit langen Jahren mit gelehrten Forschungen abgegeben“ habe und der sich „nun in seinem Gewissen gedrungen“ fühle, das Wort in der Arbeiterfrage zu ergreifen. Wenn der Bischof Ketteler in einem unbedeutenden Schriftchen das eherne Lohngesetz anerkannte, um die liberale Bourgeoisie zu ärgern, und den göttlichen Ursprung des Eigentums behauptete, um den Emanzipationskampf des Proletariats niederzuschlagen, so trieb er eine pfäffische Demagogie, die einen Schulze-Delitzsch „fast als Heiligen“ erscheinen lassen konnte. Gerade vor rheinischen Arbeitern, deren so viele noch im Geisteszwang des Ultramontanismus lebten, hätte Lassalle besser daran getan, diesem Wolfe den Schafspelz abzuziehen, statt ihn als eine fragwürdige Autorität gegen den Kapitalismus auszuspielen. [6] (a. a. O., S. 155, 156).
Sehr richtig! Aber was für den Bischof Ketteler gilt, findet in gleichem Maße Anwendung auf Bismarck und Wilhelm I.
Hatten Marx und Engels nicht vollauf recht, sich gegen eine derartige Politik zu wenden, die darauf hinauslief, die Arbeiter glauben zu machen, ihre einzigen Feinde seien die Fortschrittler, und die „absolutistischen und feudalen Gegner“ seien warme Freunde des Proletariats?
Wir lehnen heute mit Recht alle Versuche von Hofgängerei ab, und doch hat sich keiner unserer Hofgänger und Vernunftmonarchisten so sehr zugunsten von König und Kirche geäußert wie in seinen letzten Zeiten Lassalle. Wer heute der Hofgängerei zu Leibe geht, hätte kein Recht, sich darüber zu entrüsten, wenn Marx und Engels auf das energischste gegen Lassalles hier erwähnte Kundgebungen zu Felde gezogen wären.
Aber sie haben das gar nicht einmal getan! Immer und immer muss darauf hingewiesen werden, dass sie zu Lassalles Politik schwiegen, trotzdem sie vollauf berechtigt gewesen wären, gegen sie zu protestieren. Und Marx hätte sich vielleicht auch nicht 1875 in einem vertrauten Briefe an seine Parteifreunde in Deutschland so schroff darüber geäußert, wenn nicht jene Keime, die Lassalle widerwillig, in einer Zwangslage, gesät, von seinen Nachfolgern, namentlich von J. B. v. Schweitzer, in voller Freiheit fortentwickelt worden wären zu einer Politik, die sich schließlich nur durch abgefeimte Zweideutigkeit zu behaupten vermochte und die die selbständige Arbeiterbewegung Deutschlands eine Zeitlang in die schlimmsten Wirrnisse versetzte.
Das Schibboleth dieser Politik, die Regierung und Junker möglichst schonte und alle Kraft gegen die bürgerliche Opposition richtete, wurde das Wort von der reaktionären Masse.
Angesichts alles dessen ist es schwer zu verstehen, wie man sich über das Urteil, das der Kämpfer Marx in einem Zeitpunkt fällte, wo noch der Nachhall scharfer Kämpfe in ihm nachzitterte, so sehr zu entrüsten vermag.
Sicher, der Historiker wird keine so schroffen Worte
brauchen wie der Kämpfer. Aber unter den Kämpfern
von heute möge derjenige auf unsere Vorkämpfer vor fünfzig
und dreißig Jahren den ersten Stein werfen, der selbst nie ein
scharfes Wort der Kritik während einer Parteipolemik in
vertrauter Zwiesprache mit einem Freunde gebraucht hat.
Trotz alledem braucht die Erinnerung an Lassalles Irrtümer unsere Hochachtung für ihn nicht zu beeinträchtigen. Ich habe erst kürzlich hier in einem Artikel über Lassalles historische Leistung dargetan, was wir ihm verdanken, und brauche das dort Gesagte nicht zu wiederholen.
Aber das Große, das er für uns geleistet, schließt keineswegs aus, dass er noch Größeres hätte leisten können, wenn er seine Agitation, statt ohne Marx und Engels, ja im Gegensatz zu ihnen, im Einvernehmen mit ihnen unternommen hätte. Alle schwachen Punkte des Lassalleanismus, die wir seitdem in langen inneren Kämpfen einen nach dem anderen überwunden haben, wären uns dann erspart geblieben, denn ihnen galt die Kritik, die Marx und Engels an ihm übten.
Die Anerkennung der Richtigkeit dieser Kritik braucht indes für uns keine Verkleinerung des Mannes, keine Verringerung seiner Leistung für uns zu bedeuten. Sie veranlasst uns nur, die Größe dieser Leistung an richtiger Stelle zu suchen, nicht dort, wo er sich von Marx und Engels trennte.
Wie steht es nun mit der Renaissance des „scheinbar überwundenen“ Lassalle, die Mehring verkündet? Man kann darunter verstehen, dass die Person Lassalles eine Zeitlang verkannt worden sei, jetzt aber wieder gerechter gewürdigt werde. Einer Renaissance in diesem Sinne bedarf indes Lassalle sicher nicht. Unsere Partei hat es nie an der ihm gebührenden Ehrung und Würdigung fehlen lassen. Die Kritik, die Marx an Lassalle übte, hat seiner Ehrung durch unsere Partei nicht die mindeste Einbuße gebracht. Es ist nicht wahr, dass sich Nebel um die Gestalt Lassalles gebildet hatten, die wieder zu zerstreuen sind.
Sollte es sich bei der Renaissance aber nicht um die Würdigung der historischen Verdienste Lassalles um das Werden unserer Partei, sondern um bestimmte Anschauungen Lassalles handeln, die jetzt angeblich wieder mehr in den Vordergrund treten, nachdem sie schon überwunden gewesen, so ist davon nicht das mindeste zu merken. Von alledem, was wir heute noch mit Lassalle gemein haben, ist uns nie etwas auch nur einen Moment verloren gegangen. Darin ist er nie auch nur scheinbar überwunden gewesen. Was wir aber im Laufe der Zeiten an Lassalleschen Anschauungen als irrtümlich oder veraltet erkannt haben, von alledem zeigt nichts die Tendenz, eine neue Auferstehung zu feiern.
So muss denn auch Mehring selbst zugeben, dass alles das, „was man als spezifischen Lassalleanismus zu betrachten gewohnt ist“, für immer überwundene Dinge sind.
Da bleibt nur „die Erkenntnis“ übrig, die Mehring in die Worte fasst:
dass eine nationale Arbeiterpartei zunächst an ihre Existenzbedingungen innerhalb der Nation gebunden ist, von der sie einen Teil bildet.
„In dieser Erkenntnis“ soll Lassalle einer Renaissance entgegengehen. Das setzt voraus, dass es eine Erkenntnis ist, die unserer Partei verloren ging in dem Maße, in dem der Lassalleanismus durch den Marxismus überwunden wurde, dass hier ein Gegensatz zwischen Marx und Lassalle vorliege, und zwar einer, in dem dieser jenem überlegen war.
Nun muss wohl Mehring selbst zugeben, dass Marx und Engels die gleiche Erkenntnis besaßen, – aber, meint er, nur in der Theorie, nicht in der Praxis; da haben sie „die Schwierigkeiten nicht immer zu überwinden gewusst“, da waren ihnen Lassalle und Schweitzer über.
Hier wird gegen Marx und Engels ein Vorwurf erhoben, wie ihn später die Revisionisten gegen die Marxisten erhoben – sie seien doktrinäre „Dogmenfanatiker“, die es nicht verstehen, sich „den wechselnden Existenzbedingungen anzubequemen“.
Diese Anschauung des Revisionismus erkennt Mehring jetzt auch ausdrücklich an. Er sagt:
Hier ist auch die Ursache zu suchen, weshalb der Revisionismus trotz aller vermeintlichen oder auch wirklichen Niederlagen zu so hohen Jahren kommt, wenn er auch nie zum Sieg gelangen kann. Denn ohne prinzipielle Grundlage kann keine Arbeiterpartei bestehen, wenigstens auf die Dauer nicht.
Trotz dieser Verklausulierung heißt das nichts anderes, als dass die Stärke und Lebenskraft des Revisionismus in einer Erkenntnis liegt, die er mit Lassalle gemein hat und die jetzt einer „Renaissance entgegengeht“. Wenn danach die Revisionisten Lust haben sollten, Mehring für sich in Anspruch zu nehmen, wären sie dazu vollauf berechtigt. Sie verwerfen ja nicht prinzipiell die prinzipielle Grundlage.
Worin soll aber jene Verkennung „der Existenzbedingungen der Arbeiterpartei innerhalb ihrer Nation“ liegen, deren sich Marx und Engels Lassalle gegenüber schuldig machten? Mehring führt dafür folgendes an:
Laufenberg weist in fesselnder Weise nach, dass der spezifische Lassalleanismus nur das Maß der Erkenntnis darstellt, das der deutschen Arbeiterklasse auf dem damaligen Stande ihrer Entwicklung zugänglich war, dass Lassalle ihn den Massen nicht aufgedrängt, sondern ihn den Massen sozusagen abgelesen und ihn nur prinzipiell zu gestalten gewusst hat. Das haben Marx und Engels nie anerkennen wollen.
Was Laufenberg sicher in fesselnder Weise in seiner
Seit wann ist für uns der Satz außer Kraft gesetzt, dass eine Nation von der anderen lernen kann und soll, und wozu arbeiten wir theoretisch, wenn nicht zu dem Zwecke, uns über die Beschränktheit unserer augenblicklichen lokalen Existenzbedingungen zu erheben? Eine auf diese Weise gewonnene höhere Erkenntnis bedeutet nichts weniger als Blindheit für rückständige Existenzbedingungen, sie schärft vielmehr den Blick für ihr Verständnis; sie zeigt aber auch deren Vergänglichkeit und wird nie theoretische Leistungen und Organisationsformen schaffen, die bei fortschreitender Entwicklung bald in stärksten Widerspruch zu den neu auftauchenden „Existenzbedingungen“ geraten müssen, wie das auch mit dem „spezifischen Lassalleanismus“ der Fall war.
Was uns Mehring hier als „Anbequemen an die Existenzbedingungen“ anpreist, das ist nichts als Augenblickspolitik. Eine solche Politik mag im Moment vorübergehend stärkere Erfolge haben als eine, die ihre Theorie und Praxis nicht bloß auf die bestehende Rückständigkeit, sondern auch auf die weitere Entwicklung einrichtet. Auf die Dauer wird nur eine Politik der letzteren Art, eine weitschauende Politik, die aus der Erkenntnis nicht bloß der weniger entwickelten, sondern auch der fortgeschrittensten Zustände geschöpft ist, siegreich vorwärtsschreiten können, ohne jeden Augenblick ihre Theorie und Praxis wechseln zu müssen.
Mehring übertreibt, wenn er sagt, der Lassalleanismus enthalte nur das, was Lassalle den unwissenden und rückständigen Massen seiner Zeit „abgelesen“ habe. Seine Leistung bestehe nur darin, dass er es „prinzipiell zu gestalten gewusst hat“. Damit tut er Lassalle unrecht. Dieser brachte den Massen eine Fülle neuer Erkenntnis, die er ihnen nicht abgelesen. Und gerade dadurch ist seine Agitation historisch so bedeutungsvoll geworden, hat sie Früchte getragen, die weit über den anfänglichen, sehr dürftigen Erfolg hinausgingen, der unter den kleinlichen Existenzbedingungen vor 1866 zu erreichen war.
Dass er seine Erkenntnis und die der deutschen Arbeiter, die ihm anhingen, über die Schranken der instinktmäßigen Anschauungen weit hinaushob, die den Massen Deutschlands durch die damaligen Existenzbedingungen gegeben waren, darin beruht seine Größe. Dass er es nicht in dem Grad vermochte wie Marx und Engels, darin braucht man keine Schuld zu sehen, sondern eher ein tragisches Verhängnis, auf jeden Fall war es ein Vorteil weder für ihn, der dadurch schließlich in eine höchst verzweifelte Position geriet, noch für unsere Partei.
Eine Renaissance des Lassalleanismus bleibt also nach wie vor unnötig. Das Große an Lassalle bedarf ihrer nicht, wie wir schon bemerkt. Wir sind uns dessen stets bewusst geblieben. Das aber, was Mehring neu beleben will, eine Taktik, die darauf verzichtet, den unter rückständigen Verhältnissen lebenden Massen neue Erkenntnisse „aufzudrängen“, eine Taktik, die sich darauf beschränkt, solchen Massen ihre unzureichende Erkenntnis „abzulesen“ und zur Richtschnur für uns zu machen, ist nicht „Lassalleanisch“ und heute wie ehedem auf das entschiedenste abzulehnen.
Mit jener Art Renaissance des Lassalleanismus, die Mehring betreibt, soll aber nicht nur die Kritik getroffen werden, die Marx an Lassalle übte, sondern auch die Kritik, die Marx und Engels, Bebel und Liebknecht an Schweitzer übten. Auch dessen zweideutige Augenblickspolitik soll der prinzipiellen Politik der Genannten überlegen und die einzig richtige gewesen sein.
Nun kann man sicher darüber streiten, ob Schweitzer ein bezahlter Söldling Bismarcks gewesen. Man kann auch seine Politik und den Anklang, den sie in Arbeiterkreisen fand, aus den „historischen Existenzbedingungen“ der Partei erklären. Aber etwas anderes ist es, eine Politik zu begreifen, etwas anderes wieder, sie für richtig zu erklären.
Über die große Begabung Schweitzers ist kein Streit. Er hat unzweifelhaft vieles geschrieben und gesprochen, was wir als vollkommen richtig, ja als vortrefflich anerkennen müssen. Aber nicht das war es, was die Kritik und Ablehnung von Marx, Engels und Bebel hervorrief. Wogegen diese sich wendeten, das war seine Stimmungsmache für die preußische Regierung, war die Politik, die da vermeinte, Volksrechte gegen Kanonen eintauschen zu können. Eine Politik, deren Folge in einer Vermehrung des Zutrauens zur Regierung in den Arbeitern und einer Unterstützung der Demagogie Bismarcks bestand, der bis 1866 einer Stütze im Volke gegen die bürgerliche Opposition dringend bedurfte und zu diesem Zwecke, wie Schweitzer selbst einmal bemerkt, alle radikalen Renegaten um sich scharte, eine Bemerkung, die er in einer Weise macht, als bedeute sie ein ehrenvolles Zeugnis sowohl für die Renegaten wie für Bismarck.
Schweitzer wurde die stärkste Triebkraft dieser Art „Realpolitik“, die zu überwinden es schwere Kämpfe kostete.
Aber nicht bloß dadurch stürzte Schweitzer die Partei in Irrungen und Wirrungen.
Einer seiner schlimmsten Fehler war sein Festhalten an der Diktatur. Wer nur im leisesten an ihr tippte, der galt ihm als ein Feind, der vernichtet werden musste mit allen Mitteln. Neben den großen sachlichen Differenzen wurde das nicht nur eine Ursache von Spaltungen, sondern auch eine Ursache ständiger und stets wachsender Konflikte innerhalb Schweitzers eigener Richtung. So kam es, dass die deutsche Sozialdemokratie, die sonst ihren Vorkämpfern die rührendste Treue und Dankbarkeit bewahrt, diesen Mann in völlige Missachtung versinken ließ. Mit seiner Entfernung aus der Partei war die erste Vorbedingung gegeben, Frieden und einträchtiges Zusammenwirken in der Partei herzustellen.
Jetzt arbeitet Mehring mit Macht an der Renaissance, der Wiedergeburt Schweitzers.
Sie führt sich ein mit neuem innerem Zwist. Ein vielversprechender Anfang.
1. Franz Mehring, Ein Parteijubiläum, Die Neue Zeit, 31. Jg., 1. Bd. (1913), H. 22, S. 793–794.
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.08644&dok=1912-13a&f=191213a_0793&l=191213a_0794.
2. Karl Kautsky, Unsere Programme, Die Neue Zeit, 9. Jg., 1. Bd. (1891), H. 21, S. 680–683.
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.00756&dok=1890-91a&f=189091a_0680&l=189091a_0683.
4. Franz Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Bd. 3: Bis zum
deutsch-französischen Kriege. 3. Aufl. Stuttgart: Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., 1906, S. 124–125.
https://archive.org/details/bub_gb_lX5XAAAAIAAJ/.
5. Franz Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Bd. 3: Bis zum
deutsch-französischen Kriege. 3. Aufl. Stuttgart: Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., 1906, S. 149– 50.
https://archive.org/details/bub_gb_lX5XAAAAIAAJ/.
6. Franz Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Bd. 3: Bis zum deutsch-französischen Kriege. 3. Aufl. Stuttgart: Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., 1906, S. 155–156.
https://archive.org/details/bub_gb_lX5XAAAAIAAJ/.
Zuletzt aktualisiert am 25. Oktober 2026