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Die Neue Zeit, 2. Oktober 1914.
Transkription: Blackbird.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.
Unsere Partei hat viel über die Mittel und Methoden diskutiert, einen drohenden Krieg zu verhindern, dagegen viel seltener die Frage erörtert, wie sie sich während eines Krieges verhalten solle, den zu verhindern ihre Kraft nicht ausreicht. Darin liegt wohl kein Zufall.
En der Agitation um die Erhaltung des Friedens vermochte die Sozialdemokratie noch ihre volle Kraft ungehindert zu entfalten. Dagegen mußte sie von vornherein damit rechnen, daß sie durch den Ausbruch des Krieges unter das Kriegsrecht gestellt und in ihrer freien Bewegung gehindert werde. Nie ist ein Regierung so stark, nie die Parteien so schwach, wie beim Ausbruch eines Krieges.
Indes, so begreiflich es ist, daß man an ein so heikles Thema mit großer Berufshaltung herantrat, so ist es doch zu bedauern, daß wir es in Friedenszeiten nicht ausführlicher erörtert haben. Gerade die Haltung während eines Krieges ist ein viel komplizierteres Problem als die Agitation für den Frieden. Und die Kriegszeit selbst ist am ungeeignetsten zu ruhiger, unbefangener Diskutierung strittiger Fragen. Objektivität wird da fast unmöglich, ja, sie gilt manchem als Verbrechen.
So lange der Krieg nur droht, ist die Sache für uns fehr einfach: es gibt unter den heutigen Berhältniffen keinen Krieg, der nicht für die Nationen im allgemeinen und das Proletariat im besonderen ein Unglück wäre. Mir diskutierten darüber, durch welche Kriege nützlich, welche schädlich feien.
Die Sachlage ändert sich mit einem Schlage, sobald es sich herausstellt, daß wir nicht in der Lage sind, den Krieg zu verhindern, also, sobald er ausgebrochen ist. So lange nicht die Zeit zum Friedensschluss reif scheint, lautet die praktische Frage nicht mehr: Krieg oder Frieden. Sie heißt: Sieg oder Niederlage des eigenen Landes.
Es wäre wohl denkbar, daß auch nach Ausbruch des Krieges eine Partei dem Krieg entgegenwirkt, ohne daß sie das eigene Land lähmt. Dazu gehörte, daß diese Gegenwirkung gleichzeitig und mit gleichem Erfolg auf beiden Seiten unternommen wird. In dieser Form könnte sie, statt die Niederlage, den Frieden herbeiführen. Praktisch ist etwas derartiges noch nie versucht worden. Seine Möglichkeit wurde von uns stets bestritten. Wir können davon ganz absehen. Dann bleibt nach Kriegsausbruch nur die Frage bestehen: Sieg oder Niederlage.
Nun ist selbstverständlich der Fall ausgeschlossen, daß man praktisch auf die Niederlage des eigenen Landes hinarbeitet. So reduziert sich das Problem auf die Frage, ob man dem Krieg mit Leidenschaft oder mit Bedenken gegenübersteht. Die Beantwortung dieser Frage ist keineswegs von vornherein gegeben, sie hängt ganz von der Art des Krieges ab, der geführt wird.
Bebel hat zu verschiedenen Malen erklärt, und so noch in Essen (1907):
„Wir müssen das Vaterland verteidigen, wenn ein Angriff kommt“
Das war damals wohl die Auffassung der großen Mehrheit des Parteitags. Ja man kann sagen, dass sie seit langem die Welt überhaupt beherrscht. Und an und für sich läßt sich kaum etwas dagegen einwenden. Doch wird sie als unfehlbare Richtschnur oft versagen. Der Angegriffene hat stets auf größere Kriegsbegeisterung im eigenen Volke, aber auch auf größere Sympathien bei den Neutralen zu rechnen als der Angreifer, der den Frieden, dieses höchste Gut, frivol stört. Gerade weil dem so ist, haben auch wirkliche Angreifer stets danach getrachtet, vor der Welt als die Angegriffenen zu erscheinen, wobei sie unterstützt wurden durch die Heimlichkeit, mit der diplomatische Verhandlungen wie Kriegsvorbereitungen in der Regel vor sich gehen.
Beim Ausbruch eines Krieges rufen daher nicht bloß beide Parteien denselben Gott zum Schutze ihrer großen Sache an, sondern auch die Bevölkerung hüben wie drüben wähnt sich in gleicher Weise angegriffen.
Diese Erfahrungen veranlaßte mich in Essen, der Bebelschen Auffassung entgegenzutreten – einer der wenigen Fälle, in denen wir voneinander abwichen.
Bebel meinte damals:
„Man hat mir gesagt, und auch Genosse Kautsky hat in diese Kerbe gehauen – Was ist ein Angriffskrieg? Ja, es wäre doch sehr traurig, wenn wir heute, wo große Kreise des Volkes sich für Tag viel mehr um Politik kümmern wie früher, noch nicht sollten beurteilen können, ob es sich im einzelnen Falle um einen Angriffskrieg handelt oder nicht.“
Nun, die Erfahrung zeigt, daß es Fälle gibt, in denen auch die größte politische Schulung nicht ausreicht, ohne weiteres bei Ausbruch eines Krieges einwandfrei festzustellen, wer der Angreifer sei. Schon deswegen, weil es Situationen gibt, in denen sich alle beteiligten Mächte in eine Sackgasse verrennen, aus der keine friedlich ohne erhebliche Einbuße an Kraft und Ansehen heraus kann, in der kampfloses Nachgeben für jede eine Niederlage bedeutet. Es hängt dann oft vom Zufall oder von dem verschiedenen Ausmaß diplomatischer Geschichtlichkeit ab, wer den ersten Schlag tut und als der Angreifer erscheint.
Diesmal war die Entscheidung besonders schwierig durch die Raschheit, mit der die Ereignisse über uns hereinbrachen und durch die Komplikationen infolge der Bündnispolitik, die von Tag zu Tag wuchsen.
Durch diese Komplikationen verlor aber auch jener Wegweiser seine Deutlichkeit den ich in Essen dem Bebelschen des Angriffskriegs entgegenhielt. Ich sagte damals:
„Die deutsche Regierung könnte eines Tages den deutschen Proletariern weismachen, daß sie Angegriffenen seien, die französische Regierung könnte das gleiche den Franzosen weismachen, und wir hätten dann einen Krieg, in dem deutsche und französische Proletarier mit gleicher Begeisterung ihren Regierung nachgehen und sich gegenseitig morden und die Hälse abschneiden. Das muß verhütet werden und das wird verhütet, wenn wir nicht das Kriterium de Angriffskrieges anlegen, sondern das der proletarischen Interessen.“
Auch dieses Kriterium, diese Richtschnur wurde beim Ausbruch des jetzigen Krieges hüben wie drüben in Betracht gezogen – doch in gleicher Weise, wie das des Angriffskrieges, führte es Deutsche um Franzosen zu einer gegensätzlichen Auffassung.
Unsere französischen Genossen haben im Verein mit den belgischen ein Manifest erlassen, in dem sie erklären, sie müßten hinter ihrer Regierung stehen, einmal, weil von deutscher Seite „der Angriff …, der Krieg gewollt war“, und dann, weil sie „die Freiheit und das Recht“ gegen „den deutschen Imperialismus“ verfechten. Unter diesem Imperialismus ist, nebenbei erwähnt, wohl nicht der englische, jetzt auch uns geläufige Begriff des Strebens nach einem großen Kolonialreich zu verstehen – in dieser Beziehung haben doch Frankreich und Belgien, ebenso wie England, Deutschland nichts vorzuwerfen – sondern das Wort ist hier jedenfalls im französischen Sinne gemeint, als Bezeichnung kaiserlicher, im Gegensatz zu republikanischer Politik. In Frankreich hat das Wort noch den Beigeschmack des Bonapartismus.
Sie fühlen sich also verpflichtet zu kämpfen als Republikaner gegen das Kaiserreich. Die gleiche Verpflichtung zum Kampf empfanden aber die meisten deutschen Sozialdemokraten, denn ihnen erscheint der Krieg als Kampf eines Reiches mit allgemeinem, gleichem Wahlrecht, Koalitionsrecht und Preßfreiheit gegen den zarischen Despotismus. Die Deutschen kämpfen gleichzeitig gegen den Zaren und die Republik, die Franzosen gleichzeitig gegen den deutschen „Imperialismus“ und für den russischen Absolutismus. Wo liegt da das proletarische und demokratische Interesse?
Jedesmal aber finden wir, daß der Gegensatz zwischen deutschen und französischen Sozialisten nicht in dem Kriterium liegt, nicht in der grundsätzlichen Auffassung, sondern in der verschiedenen Auffassung der Situation, die selbst sich wieder aus der Verschiedenheit der geographischen Lage der Beurteilenden ergibt. Dieser Gegensatz wird sich also kaum überwinden lassen, so lange der Krieg tobt. Jedoch ist er fein prinzipieller Gegensatz, sondern einer besonderen Situation entsprungen, und braucht daher diese nicht zu überdauern.
Natürlich ist die in der deutschen Sozialdemokratie vorherrschende Auffassung nicht zu verwechseln mit jener naiven Volksanschauung, die in Deutschland noch sehr stark ist und die in allen Russen nur Kosaken, Baschkiren und Kalmücken, willenlose Werkzeuge des Zarismus sieht. Man weiß in unserer Partei sehr wohl die kolossale Umwälzung zu würdigen, die sich im russischen Volke während des letzten Wenschenalters vollzog und die einen so gewaltigen Ausbruch in der Revolution von 1905 fand. Wir wissen, daß die Demokratie in Rußland auf dem Marsche ist, daß sich schon vor dem Kriege in den proletarischen Massen und auch in der Bourgeoise eine starke Gärung bemerkbar machte. Wir stehen nicht mehr auf dem Standpunkt, ein Krieg gegen Rußland sei notwendig, die Macht des Zaren zu brechen oder die Demokratie Westeuropas zu schützen. Im Gegenteil, der Krieg zwischen Deutschland und Rußland kann – muß nicht – heute für die Demokratie beider Reich Hemmungen mit sich bringen – wer immer siegen mag. Die Anschauung, der Krieg gegen Rußland sei ebenso ein Unglück wie jeder andere Krieg, widerspricht jedoch keineswegs der Überzeugung, daß, nachdem der Krieg einmal hereingebrochen ist, unter allen unglücklichen Folgen, die er nach sich ziehen mag, ein Sieg des Zaren die unglücklichste wäre.
Vermochte aber weder das Kriterium des Angriffskrieges noch das des proletarischen Interesses in der heutigen Situation eine für die Genossen aller Länder gleich klare und bindende Auffassung herbeizuführen, so bleib als entscheidendes Kriterium noch ein drittes übrig. Mochte man darüber streiten, wer der Angreifer sei, wer der Angegriffen, was die Demokratie Europas mehr bedrohe, ein Sieg Deutschlands über Frankreich, oder ein Sieg Rußlands über Deutschland; eines ist klar: jedes Volk und auch das Proletariat eines jedes Volkes hat ein dringendes Interesse daran, den Landesfeind am Ueberschreiten der Grenzen zu hindern, da dadurch die Schrecken Invasion annehmen. Und in jedem nationalen Staat muß auch das Proletariat seine ganze Energie dafür einsetzen, daß die Selbständigkeit und Geschlossenheit des nationalen Gebiets unversehrt bleibt. Das ist ein wesentliches Stück der Demokratie, dieser notwendigen Basis für den Kampf und Sieg des Proletariats.
Die Lage der Volksmasse eines Staates muß eine ganz verzweifelte und ausfichtslofe geworden sein, soll sie in einem kriegerischen Mißerfolg der Regierung, der den Feind ins Land bringt, ja der die Zerstückelung der Nation oder die Fremdherrschaft herbeiführt, das kleinere Uebel gegenüber dem bestehenden Zustand sehen. Auch ein arg bedrücktes Volk, das die Politik der Regierung mißbilligt, die zum Kriege führt, wird sich mit Energie gegen den eindringenden Landesfeind wenden, wenn es sich stark genug fühlt, später, im Frieden, noch aus eigener Kraft mit dem Druck der Regierung fertig zu werden. Nicht einmal in Rußland ist heute die Lage des Proletariats eine solche, daß es nur vom Siege des äußeren Feindes seine Rettung erwarten könnte.
Für das Kriterium des Schlußes der Heimat vor Verwüstung und Plünderung, des Schutzes der Nation vor Zerstückelung und Fremdherrschaft liegen bei Ausbruch eines Krieges die entscheidenden Tatsachen aber meist offenkundiger zutage, als für das des Angriffskriegs oder der proletarischen Interessen. Es handelt sich hier bei einem nur halbwegs freien Lande bloß um das Verhältnis der Kräfte und die Größe der Gefahren, die vom Gegner drohen. Ist er so schwach, daß er von vornherein nicht imstande wäre, in das andere Land einzudringen, mit dem er in Krieg geraten ist, dann wird die Sozialdemokratie des stärkeren Landes, wenn nicht eines der beiden anderen Kriterien dagegen spricht, der Kriegführung der eigenen Regierung aufs entschiedenste Opposition machen und ihr entgegentreten, wo sie kann.
Das tat sie in den Vereinigten Staaten während des Krieges gegen Spanien, in England im Burenkrieg, in Rußland während des Krieges mit Japan – die Japaner, obwohl stark, drohten doch nie Rußland zu verwüsten oder zu verkleinern – in Spanien bei der Marokkanischen Expedition, in Italien beim Feldzug nach Tripolis.
Eigenartig gestalten sich die Verhältnisse in England, vornehmlich wegen seiner insularen Lage, die noch so manche andere seiner Eigentümlichkeiten erklärt. Durch sie ist es vor jeder feindlichen Invasion geschützt, solange seine Flotte die See beherrscht; die insulare Abschließung vom Ausland hat ihm aber auch früh eine große nationale Geschlossenheit verliehen. Seit dem 17. Jahrhundert, seitdem Irland dauernd englischer Besitz geworden, lockte die Engländer keine Vermehrung, schreckte sie seine Verkleinerung des Territoriums der Nation. Gleich den Staaten des Festlandes haben auch sie seitdem zahlreiche Kriege geführt. Aber für die Kontinentalstaaten kam dabei fast stets die Vergrößerung ihres eigentlichen Territoriums in Europa in Frage. Für England nur Kolonien und Flottenstationen, über deren Zweckmäßigkeit man wohl streiten konnte.
Nimmt man dazu die kolossale Macht des englischen Parlaments, die bis heute noch von keinem anderen Parlament erreicht worden ist, dann wird die eigenartige Tatsache begreiflich, daß im Gegensatz zu allen anderen europäischen Staaten England seit 200 Jahren keinem großen Krieg geführt hat, der nicht während seines Verlaufs die energischste Opposition im eigenen Lande fand. In dem Krieg gegen die amerikanischen Kolonien, der 1775 begann und 1783 mit der Anerkennung ihrer Selbständigkeit endete, trat im englischen Parlament eine starke Partei mit äußerster Entschiedenheit auf die Seite der Rebellion. Unter ihnen vor allem Fox und Burke. Fox verherrlichte die Generäle der Amerikaner und griff die der Engländer erschienen ihm beklagenswert, ihre Niederlagen erfreuten ihn.
„Im Parlament bot er seine ganze Beredsamkeit auf, um darzutun, daß es Frankreichs und Spaniens wahres Interesse sei, zugunsten der amerikanischen Unabhängigkeit das Schwert zu ziehen ... In Jedem Stadium des Kampfes wandte die Opposition ihren Einfluß auf, um der Regierung Verlegenheiten zu bereiten.“ (Lecky, Geschichte Englands im 18. Jahrhundert, deutsch von Löwe, IV, 73, 74.)
Das gleiche wiederholte sich in dem Kriege gegen Frankreich nach dem Ausbruch der Revolution:
„Jedes Jahr hat Opposition auf Frieden mit Frankreich angetragen und über jede Niederlage der englischen Waffen ein Hohngeschrei angestimmt, als wenn sie aus Franzosen und Irländern und nicht doch aus Engländern beständen.“ (Oncken, Das Zeitalter der Revolution, des Kaiserreichs und der Befreiungskrieg, II, S. 40.)
Und das wiederholt sich bis heute. Wir erlebten diese Opposition gegen den Krieg während des Feldzuges in Südafrika und sehen sie jetzt wieder, wo nicht nur vor dem Ausbruch des Krieges, sondern noch während seiner Führung die lebhaftesten Proteste gegen ihn laut werden, die in jedem anderen Staat unmöglich wären. Keine Regierung, aber wohl auch nicht die Waffe der Bevölkerung würde sie in einem Kontinentalstaat in einer ähnlichen Lage dulden.
Bemerkenswert ist es, daß so wie beim Burenkrieg, so auch diesmal die Sozialisten Englands keine einheitliche Haltung ausweisen. Doch sind die Kriegsgegner von heute nicht identisch mit denen vor 15 Jahren. Während das, was man den rechten Flügel der Partei nennen kann, vor allem die Fabier, damals energisch an dem Krieg Anteil nahm und die radikaleren Elemente ihn als ein Verbrechen brandmarkten – doch gab es auch Ausnahmen – zeigt sich heute die British Socialist Party kriegsfreundlicher wie die Fabier. Diese betrachten den russischen Absolutismus als den gefährlichsten Feind und sind gegen seine Unterstützung durch England, indes jene die Gefährdung der französischen Republik in den Vordergrund stellen und die Verhinderung des Sieges des deutschen Militarismus für die Hauptaufgabe halten.
Ganz anders als in England und in der früheren, oben erwähnten Kriegen der letzten Jahrzehnte stand es diesmal beim Kriegsausbruch auf dem Kontinent. Die Kräfte waren ungefähr die gleichen. Kein Mensch vermochte vorherzusehen, ehe sie sich gemessen, auf welche Seite sich der Sieg neigen werde. Jedem der beteiligten Völker drohten die schlimmsten Verluste im Falle einer Niederlage und drohte eine Zerschmetternde Niederlage wenn es nicht jeden Nerv anstrengte.
Dazu kommt noch, daß diesmal die gesamte wehrfähige Waffe der Nationen direkt am Krieg beteiligt ist – ebenfalls mit Ausnahme Englands, das noch an seinem alten Werbesystem festhält, was wieder mit seiner insularen Stellung und Freiheit vor jeder Invasionsgefahr zusammenhängt. An dem Lage, an dem England aufhörte, die See zu beherrschen, würde es die allgemeine Wehrpflicht einführen.
Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß sich auch solche Sozialsten mit voller Leidenschaft in den Kampf stürzen – hüben wie drüben – die weder die Frage, wer der Angreifer sei, noch die, welche Seite das höhere proletarische und demokratische Interesse vertrete, für völlig geklärt erachteten.
Welche unter den hier dargestellten drei Kriterien unserer Stellung zum Kriege die entscheidenden für die Haltung der Genossen in den einzelnen Ländern geworden sind, läßt sich unmöglich feststellen.
In den meisten Fällen wird man sie wohl nicht genau geschieden haben und werden sie alle drei vereint das Urteil bestimmt haben, soweit es verstandes und nicht gefühlsmäßig gefällt wurde. In der Bevölkerung scheint das Kriterium des Angriffskrieges zu überwiegen, soweit man nach der Haltung der Presse urteilen kann.
Für das sozialistische Denken hat es jedoch seine Gefahren, wenn man die Haltung zum Krieg ausschließlich von der Beantwortung der Frage abhängig macht: wer ist der Angreifer? Namentlich dann, wenn die Sachlage zweifelhaft ist und man nicht untersucht, ob der Krieg aus großen, historischen Gegenfäßen hervorging, die in ökonomischen, von dem Belieben der einzelnen unabhängigen Triebkräften wurzeln. Wenn man ferner davon absieht, zu untersuchen, wie der Ausgang des Krieges politisch wirken wird, sondern die Untersuchung auf ein gerichtliches Verfahren zur Aburteilung des Schuldigen reduziert, der das ungeheure Verbrechen des Weltkrieges in frivoler Weise über die friedliebende Welt heraufbeschworen und die Abwehr dagegen den anderen aufgezwungen hat. Auf der einen Seite liegt bei solcher Betrachtung alle Schuld, alles Unrecht, auf der anderen alle Unschuld, alles Recht.
Nach diesem Kriterium sind die Sozialisten des angreifenden Landes ebensosehr verpflichtet, die Kriegskredite zu verweigern, wie die andern, sie zu bewilligen. Wenn die Sozialisten im Lande des Angreifers für die Kriegskredite stimmen, so bezeugen sie damit entweder ihre Feigheit oder ihre Unfähigkeit, das klare Recht zu erkennen, also auf jeden Fall ihre Minderwertigkeit.
Kommen die Sozialisten hüben wie zu der Ueberzeugung, ihr Staat sei der Angegriffene – entweder direkt oder indirekt, durch Angriff auf den Verbündeten, dessen Schwächung nach sich zöge – dann muß daraus Geringschätzung, ja Haß gegen die Genossen im feindlichen Lager hervorgehen.
Noch mehr. Der Angreifer ist ein Verbrecher. Verbrecher muß man bestrafen oder doch unschädlich machen. Man muß also den Krieg, den er uns aufgezwungen, solange führen, bis der Verbrecher hilflos am Boden liegt und muß ihm dann seine Glieder so amputieren, daß er sich nicht wieder rühren kann. Dies die logische Konsequenz der Unterscheidung von Angriffs und Verteidigungskrieg. Sie muß die nationalen Gegensätze im Volksbewußtsein furchtbar verschärfen.
Ganz anders wirkt die marxistische Auffassung, die nicht danach strebt, zu verurteilen, sondern zu begreifen. Sie kann in einem gegebenen Fall zu dem Ergebnis kommen, daß bei den verschiedenen Mächten die gleichen Tendenzen herrschen, die sie in einen feindlichen Gegensatz zueinander bringen, daß in der Beziehung keine der anderen etwas vorzuwerfen hat. Kommt es trotz aller Bemühungen der Sozialdemokratie darob zu einem Kriege, dann muß sich eben jede Nation ihrer Haut wehren, so gut sie kann. Daraus folgt für die Sozialdemokraten aller Nationen das gleiche Recht oder die gleiche Pflicht, an dieser Verteidigung teilzunehmen, keine darf der anderen daraus einen Vorwurf machen.
Daraus folgt aber auch die weitere Pflicht der Sozialdemokratie jeder Nation, den Krieg nur als Verteidigungskrieg zu betrachten, ihm als Ziel nur die Abwehr des Feindes, nicht dessen „Bestrafung“ oder Verkleinerung zu setzen. Da diese Auffassung die Ursache des Krieges nicht in persönlicher Schlechtigkeit oder Minderwertigkeit der Gegner, sondern in objektiven Verhältnissen sucht, wird sie trachten, die Sicherung, die der Friedensschluß zu bringen hat, nicht durch Demütigung oder Verstümmelung des Gegners anzustreben, was nur eine neue Kriegsursache für die Zukunft würde, sondern durch Beseitigung der Verhältnisse, die den Krieg herbeiführten, heute also der imperialistischen Gegensätze und des Wettrüstens.
Natürlich reicht unsere Macht zurzeit ebensowenig hin, die Friedensbedingungen zu diktieren, als sie den Kriegsausbruch verhindern konnte. Wir wissen nicht, ob und wieweit es gelingen wird, dem Frieden eine derartige Basis zu geben. Das hängt von Machtverhältnissen ab, die sich heute noch absolut nicht voraussehen lassen. Aber für die proletarische Praxis und das internationale Zusammenwirken der sozialdemokratischen Parteien nach dem Kriege wird es einen bedeutenden Unterschied machen, auf welcher Grundlage sie den Frieden verlangten: ob auf der des Abrüstens und der Verständigung über die Weltpolitik oder ob auf der der Zerstückelung der Unterliegenden, wer immer diese sein mögen.
Trotz dieser Bedenken beherrscht immer noch das Kriterium des Angriffskrieges die Gemüter, jedoch wird es von den beiden anderen Kriterien des proletarischen Interesses und der militärischen Abwehr jedes feindlichen Einbruchs nicht genau geschieden. Vielfach wird sogar eine defensive auswärtige Politik mit einer defensiven Strategie zusammengeworfen. Dagegen wendete sich schon Marx 1870 in einem Brief an Engels:
„Kugelmann verwechselt einen defensiven Krieg mit defensiven militärischen Operationen. Also wenn ein Kerl mich auf der Straße überfällt, so darf ich nur seine Hiebe parieren, aber nicht ihn niederschlagen, weil ich mich damit in einem Angreifer verwandeln würde.” (Briefwechsel, IV, S. 323.)
Ob der Krieg besser defensiv oder offensiv geführt wird, ist eine rein militärische Frage, die mit der, ob er zur Abwehr oder zum Angriff unternommen wird, nichts zu tun hat. Und schließlich muß sich jede Defensiv in eine Offensiv verwandeln, wenn der Feldzug wirksam geführt werden soll.
Immerhin, wenn auch militärische und politische Offensiv streng zu trennen sind, so bleibt doch die militärische Offensive, sobald sie mit ausnehmendem Erfolg betrieben wird, nicht ohne Rückwirkung auf die äußere Politik und verleiht ihr leicht ebenfalls einen offensiven Charakter. So wandelte sich der Charakter des Krieges von 1870. Bei seinem Beginn galt er allgemein als ein Angriffskrieg Napoleons, in seinem Verlauf aber erhielt er immer mehr nicht bloß militärisch, sondern auch politisch den Charakter eines Verteidigungskrieges der Franzosen. Durch eine solche Wandlung während des Krieges vermag sich auch die Haltung der Sozialdemokratie eines Landes zu ändern.
Beim Ausbruch eines Krieges können die beiden Kriterien versagen, die für diese Haltung zunächst in Frage kommen, das des Angriffskrieges wie das des proletarischen Interesses. Es kann zweifelhaft sein, wer der Angreifer ist, von welcher Seite die proletarische oder demokratische Sache mehr zu erwarten hat. Als einziges bestimmendes Kriterium bleibt dann übrig das Bedürfnis, die eigene Nation vor den verheerenden Folgen einer Niederlage zu schützen.
Nimmt der Krieg einen Verlauf derart, daß die eine Wagschale sich mit größer Entschiedenheit auf die eine Seite neigt und verwandelt er sich dadurch ausgesprochen auf der einen Seite in einen Angriffs, auf der anderen in einem Verteidigungskrieg auch vom rein politisch Standpunkt aus, dann deuten völlig unzweideutig alle drei Kriterien in derselben Richtung: für die siegreich Nation hört jede Befürchtung auf, ihr Territorium könnte verwüstet, verkleinert unterjocht werden. Um so entsetzlicher gestaltet sich die Heimsuchung der besiegten Nation. Nun wird der Krieg auch immer mehr politisch von der einen Seite ein Angriffs, von der anderen ein Verteidigungskrieg. Und schließlich erheischt es das proletarische und demokratische Interesse, daß keine Nation in ihrer Selbständigkeit und Integrität verkürzt wird.
Ist die Sache einmal soweit gediehen, dann kann kein Zweifel mehr sein dann gibt es für die Sozialdemokraten hüben wie drüben keine gegensätzliche Auffassung der Situation und der daraus erwachsenden Pflichten mehr.
Anders steht freilich die Sache, wenn keine der Nationalen so entscheidend siegt, daß sie von der andern im Verlauf des Krieges keine Invasion, keine Vergewaltigung mehr zu befürchten hat; wenn der Krieg mit wechselndem Erfolg bis zur gänzlichen Erschöpfung aller Teile fortgeführt wird. Dann muß man freilich mit der Möglichkeit rechnen, daß die Haltung sich nicht ändert, die die Sozialdemokratie jeden Landes bei Beginn des Krieges eingenommen. Dann wird es aber um so wahrscheinlicher, daß beim Abschluß des Krieges die tatsächlich angenommen Friedensbedingungen unserem Standpunkt entsprechen.
Zuletzt aktualisiert am 25. Oktober 2026